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Der Materialismus ist die Philosophie des geringsten Verstandesaufwandes!
Arthur Schopenhauer

Das Unvollkommenheitsargument - Hat Gott gepfuscht?

Inhalt

Einführung

Unter den Verfechtern der Evolutionstheorie gehört es zum guten Ton, sich auf keine Diskussion mit den Vertretern des Intelligent Design (ID) einzulassen. Obwohl Evolution verbreitet als Tatsache angesehen wird, berichten die Medien aber anhaltend über die Vertreter von Schöpfungskonzepten - meist pauschal unter dem Etikett »Kreationismus«. Daraus scheint aufseiten der Darwinisten eine Verteidigungshaltung erwachsen zu sein, die - weil ja das ungeschriebene Gesetz »Keine naturwissenschaftliche Diskussion mit Kreationisten!« nicht verletzt werden darf - sowohl sprachlich als auch methodisch manch absonderliche Blüten treibt. Da wird dann der Schöpfer schon mal als »Kesselflicker« und »Pfuscher« abqualifiziert (siehe unten). Konkret geht es hier darum, das sogenannte »Argument der Unvollkommenheit« rhetorisch möglichst effektvoll in Szene zu setzen. Bereits vor Veröffentlichung des Romans Die Galerie der Lügen hatte es ein Chemiestudent in seiner E-Mail an mich so formuliert: »Sie behaupten, die Lebewesen seinen so ›genial‹ konstruiert, dass es aussehe, als stecke ein intelligenter Geist dahinter. Doch in vielen Fällen ist die Konstruktion ziemlich dumm und unintelligent.«

Der folgende Aufsatz besteht aus zwei Hauptteilen. Zunächst soll das sogenannte »Argument der Unvollkommenheit« auf seine Plausibilität überprüft werden. Dieser Teil A lehnt sich stark an den auf genesisnet.info veröffentlichen Artikel »Das Argument der Unvollkommenheit« von Dr. Reinhard Junker an [1]; weite Passagen oder Formulierungen wurden unverändert oder teilweise überarbeitet aus dem Original (im Text farblich gekennzeichnet) übernommen. Für die Genehmigung der Veröffentlichung dieser Inhalte möchte ich Dr. Junker herzlich danken. Im Teil B wird auf zwei Paradebeispiele eingegangen, die Darwinisten als Unvollkommenheiten und damit als Beweise für Evolution und gegen ID ansehen.

A. Das Argument der Unvollkommenheit

Das »Argument der Unvollkommenheit« beruht auf der Annahme, dass ein intelligenter Konstrukteur des Lebens sich keine »Designfehler« geleistet hätte. Im Folgenden soll diese Behauptung aus theologischer, wissenschaftstheoretischer und biologischer Sicht kritisch hinterfragt werden.

Die Befürworter der biologischen Evolution führen neben dem Ähnlichkeitsargument (bezogen auf Morphologie und Anatomie) vor allem Beispiele von Unvollkommenheiten der Natur an. Einerseits wird auf sogenannte rudimentäre - zurückgebildete, bzw. nicht vollständig entwickelte - Organe oder auf scheinbar unverständliche Entwicklungsabläufe in der Embryonalentwicklung (Biogenetische Grundregel) verwiesen, andererseits aber auch auf regelrechte Konstruktionsfehler. Daraus wird das besagte »Argument aufgrund von Unvollkommenheit« abgeleitet.

A.1. Darstellung des Arguments

Das Unvollkommenheitsargument findet sich bereits ausdrücklich bei Charles Darwin. In den 1980er Jahren wurde es besonders durch Stephen J. Goulds Der Daumen des Panda in die Diskussion gebracht und stark popularisiert. Da der seltsame Panda-Daumen sozusagen als Kronzeuge für die Existenz von Unvollkommenheiten in der Schöpfung herangezogen wird, spricht man in diesem Zusammenhang auch vom »Panda-Prinzip«.

Der Daumen des Pandabären ist deshalb sonderbar, weil er anatomisch gar kein Daumen ist, sondern aus dem radialen Sesambein der Hand gebildet wird (Abb. 1). Dieser zusätzliche Daumen bildet einen sechsten Finger, mit dessen Hilfe die Pandas sehr geschickt Blätter abstreifen können. Warum aber ist der Daumen nicht so konstruiert wie beim Menschen, weshalb ist diese seltsame Konstruktion eines sechsten Fingers verwirklicht? »Die beste Lösung eines Ingenieurs wird von der Geschichte verhindert. ... Der Sesambein-Daumen gewinnt keinen Preis in einem Ingenieurswettbewerb«, schreibt Gould ([2], S. 24). Der ursprüngliche Daumen sei durch die vorlaufende Evolution auf eine andere Rolle verpflichtet, aus der er nicht entlassen werden konnte, sodass ein vergrößerter Handwurzelknochen als Ersatz verwendet werden musste. Evolutionär konnte nur am Vorhandenen umgebaut werden. Ein Schöpfer dagegen, der neu erschaffen kann, hätte es besser gemacht, als es verwirklicht ist.

Solche scheinbar nur zweitbesten Lösungen und seltsamen Konstruktionen versteht Gould als untrüglichen Hinweis auf eine evolutive Entstehung. Die (mutmaßlich) defekten Konstruktionen sind es, die auf Evolution hinweisen, nicht die perfekten. Perfektion lasse sich ebenso gut mit einem Schöpfungsglauben vereinbaren. Unvollkommene Konstruktionen hingegen seien damit unvereinbar, denn ein vernünftiger Schöpfer würde dergleichen niemals erschaffen.

Diese Argumentation findet sich auch bei zahlreichen anderen Biologen. So meint Kull [3]: »Der Mensch beispielsweise ist keine mechanisch optimale Konstruktion; sein mechanisches System in Bindegewebe und Knorpel hat die Aufrichtung noch nicht bewältigt - die Folgen sind Plattfüße, Hängebauch, Bandscheibenschäden. ... Die vorausgegangene Evolution macht es in manchen Fällen unmöglich, das eigentliche Optimum zu erreichen.« (Kulls Beispiele sind freilich fragwürdig, denn die genannten Mängel haben eher mit ungesunder Lebensweise als mit schlechter Konstruktion zu tun.)

Viele Autoren finden es auch seltsam, dass häufig gleiche Baupläne für verschiedene Funktionen verwendet werden. Paradebeispiel sind die Skelette der Gliedmaßen der Wirbeltiere, die trotz gleichem Bauplan für sehr verschiedene Zwecke wie Laufen, Greifen, Graben oder Fliegen verwendet werden (vgl. Abb. 2). Ein Schöpfer hätte, so wird (schon von Darwin) argumentiert, verschiedene Baupläne verwendet. Bei solchen Beispielen wird also nicht damit argumentiert, dass die Konstruktionen Mängel hätten, sondern dass sie irgendwie seltsam seien, wenn sie geschaffen worden wären. Dagegen sei im Rahmen der Evolutionslehre verständlich, dass einmal erworbene Baupläne auch bei Funktionswechsel erhalten blieben (vgl. dazu aber den Artikel Morphologie und Anatomie von R. Junker).

Panda-Daumen nach Gould 1989
Abb. 1: Der Daumen des Panda.
Nach Gould 1989
(zum Vergrößern Bild anklicken, 26 KB)

 

Bauplanähnlichkeiten
Abb. 2: Beispiel für Bauplanähnlichkeiten
(Quelle: [1]; zum Vergrößern anklicken, 10 KB)

A.2. Die Struktur des Arguments

Das »Unvollkommenheits-Argument« versteht sich nicht primär als Beleg für Evolution, sondern als Indiz gegen Schöpfung, denn - so wird argumentiert - ein Schöpfer würde keine Unvollkommenheiten oder seltsame Konstruktionen in der Natur erschaffen. Diese Argumentationsstruktur soll im Folgenden kritisch analysiert werden.

A.2.1. Theologische Argumentation.

A.2.1.1. Grenzüberschreitungen

Das Argument kann nur im Zusammenhang mit Mutmaßungen über die Handlungsweisen eines Schöpfers formuliert werden: Ein Schöpfer würde keine Unvollkommenheiten erschaffen oder er würde nicht dieselben Baupläne für verschiedene Funktionen verwenden (vergl. Knochengerüst der Gliedmaßen der Landwirbeltiere in Abb 2). Damit wird indes eine Grenzüberschreitung begangen und eine Aussage über Gott getroffen. Weil damit der Boden der Wissenschaftlichkeit verlassen wird, sollte die Grenzüberschreitung als solche kenntlich gemacht werden. Wenn darüber hinaus über einen intelligenten Konstrukteur, seine Intentionen und sein Qualitätsverständnis spekuliert wird, muss das zu Grunde liegende Schöpfungsverständnis und Gottesbild deutlich gemacht werden.

Vertreter der biologischen Evolution bemängeln oft die angeblich mangelnde fachliche Qualifikation ihrer Disputanten. Um so bemerkenswerter erscheint es daher, wenn sie sich ihrerseits für kompetent genug halten, theologische Aspekte zu beurteilen. Falls überhaupt, dann kann das Unvollkommenheitsargument als Widerlegung des Schöpfungskonzeptes nur funktionieren, sofern man von einer Unveränderbarkeit alles Gemachten ausgeht, wenn also konstatiert wird: Der Schöpfer hat alles absolut vollkommen entworfen und seitdem hat sich nichts mehr verändert. Solche Vorstellungen hat es tatsächlich gegeben und es gibt sie noch, aber sie sind selbst unter Kreationisten und Schöpfungswissenschaftlern eher untypisch und bei jenen ID-Anhängern, die tendenziell areligiös sind, spielen sie ohnehin keine Rolle.

A.2.1.2. Schöpfungsmythen

In seinem Artikel »Gott pfuscht auch« schreibt Steve Jones in dem Wochenblatt Die Zeit vom 11.8.2005 [4]:

... es [gibt] noch Dutzende anderer Schöpfungsmythen auf der Welt. Die Chinesen kennen eine Geschichte von einem Riesen, dessen Fliegen und Läuse zu Mann und Frau wurden, eine normannische Legende berichtet, sie seien aus zwei Baumstämmen entstanden, die das Meer an den Strand warf. Selbst wenn eine dieser vielen Geschichten stimmen sollte, können sie nicht alle wahr sein.

Derlei Feststellungen sind Binsenweisheiten ohne Beweiskraft. Kein Darwinist wird behaupten die synthetische Evolution sei ebenso wahr wie die Gedankenmodelle der kritischen Evolution oder die Idee von einem außerirdischen Lebenskeim (Panspermie), der den Entwicklungsprozess auf der Erde angestoßen habe. Ebenso wenig halten Schöpfungswissenschaftler sämtliche Schöpfungsmythen für wahr. So wie man die teilweise konkurrierenden Hypothesen nur durch empirische Beweise erhärten kann, müssen sich auch Schöpfungsmythen den harten Fakten stellen. Es darf allerdings bezweifelt werden, ob populärwissenschaftliche Autoren wie Jones solche Aussagen, wie wir sie oben finden, tatsächlich aus diesem Beweggrund anführen. Beispiele dieser Art lassen eher auf die Absicht schließen, dem Leser etwas Lächerliches zu präsentieren, das auf die eigentliche, kritisch zu beleuchtende Ansicht abfärben soll. Folgender Gedankenschluss wird provoziert: »Es lohnt nicht, derartigem Unsinn mit echter Wissenschaft zu vergleichen.«

Eine gegenüber Andersdenkenden tolerante Herangehensweise würde einen anderen Ansatz wählen. Unter größtmöglicher Unvoreingenommenheit verdient jedes Schöpfungsmodell zumindest einen wohlwollenden Blick. In den meisten Fällen bedarf es keine Entwicklung eines eigenen Wissenschaftszweiges, um die Modelle zu verwerfen, weil sie sich anhand allgemein bekannter, experimentell nachprüfbarer Fakten selbst disqualifizieren. Im Gegensatz zu dem sauber strukturierten und (für orientalische Verhältnisse) erstaunlich klar formulierten Schöpfungsbericht der Bibel, zeichnen sich altertümliche Schöpfungsmythen durch blumige Ausschmückungen und phantasievolle Schilderungen aus. Solche Mythen lassen sich durch empirische Daten leicht entzaubern. Beispielsweise zeigt eine Analyse der im menschlichen Körper vorkommenden Elemente und chemischen Verbindungen deutlich, dass da mehr sein muss als Fliegen, Läuse und Baumstämme zu bieten haben. Auch die Ansicht der alten Ägypter, der Mensch sei aus den Tränen des Sonnengottes Re erschaffen, kann den experimentell untermauerten Fakten nicht standhalten. Die materielle Grundlage des Menschen - wie auch aller anderen Organismen auf diesem Planeten - kommt ohne zusätzliches göttliches Element aus.

Andrée Goudot und Didier Bertrand, Mitglieder der französischen Académie d‹Agriculture, beschreiben in ihrem Werk Les oligoéléments (»Die Spurenelemente«) die im menschlichen Körper vorkommenden Elemente und chemischen Verbindungen wie folgt:

In allen untersuchten lebenden Organismen kann außer Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Phosphor, Kalzium, Schwefel, Chlor, Magnesium, Kalium und Natrium das Vorhandensein folgender Elemente als erwiesen gelten: sechs Nichtmetalle: Fluor, Brom, Jod, Bor, Arsen, Silicium; ein Übergangselement: Vanadium; dreizehn Metalle: Eisen, Zink, Mangan, Kupfer, Nickel, Kobalt, Lithium, Rubidium, Cäsium, Aluminium, Titan, Chrom, Molybdän, und wahrscheinlich auch Zinn, Blei, Silber, Gallium, Strontium und Barium.

Sämtliche von Goudot und Bertrand aufgezählten Elemente kommen in natürlicher Umgebung vor. Der biblische Bericht bestätigt diese Beobachtung in Worten, die Menschen auch schon vor 3.500 Jahren verstehen konnten: »Da nahm Gott, der Herr, Staub von der Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase.« (Genesis 2, 7; Gute Nachricht Bibel). Anders als die mythisch verbrämten Schöpfungsgeschichten findet man zudem im ersten Buch der Genesis (1. Mose) eine präzise und erfrischend schlicht gehaltene Schilderung der Abfolge einzelner Schöpfungsphasen. Der bekannte Geologe Wallace Pratt kommt daher zu folgendem Schluss:

Würde ich als Geologe aufgefordert, unsere neuzeitlichen Vorstellungen über die Entstehung der Erde und die Entwicklung des Lebens darauf einem einfachen Hirtenvolk, wie es die Stämme waren, an die sich das Buch Genesis richtet, kurz zu erklären, könnte ich es kaum besser tun, als mich zu einem großen Teil eng an den Wortlaut des ersten Kapitels der Genesis zu halten.

Pratt führt weiter aus, dass die Reihenfolge der Ereignisse, wie sie in der Genesis beschrieben wird - die Entstehung der Ozeane, das Hervortreten von Land, das Erscheinen von Meerestieren, Vögeln und Säugetieren -, im Wesentlichen der Reihenfolge der Hauptunterteilungen geologischer Zeiträume entspricht.

Diese kurze Gegenüberstellung verschiedener Schöpfungsberichte dürfte ausreichend verständlich machen, warum an jenen Stellen der Kontroverse um Lebensentstehung und -entfaltung, wo religiöse Vorstellungen zur Diskussion stehen, andere Konzepte als das biblische kaum Beachtung finden. Auf dieser Basis können wir nun noch einmal das Unvollkommenheitsargument und die stillschweigend unterstellten Grundannahmen (perfekte und unverändliche Schöpfung) beleuchten.

A.2.1.3. Unvollkommenheit im biblischen Kontext

Da diese Website nicht den Zweck verfolgt, einen theologischen Diskurs zum Thema Schöpfung anzubieten, würde es an dieser Stelle zu weit führen, den Begriff der »Vollkommenheit« im biblischen Kontext erschöpfend zu behandeln. Da das von Darwinisten vorgebrachte Unvollkommenheitsargument jedoch, wie wir gesehen haben, keinen wissenschaftlichen Ansatz verfolgt, sondern einen philosophisch-theologischen, sollte zumindest kurz auf die Vielschichtigkeit des Begriffes eingegangen werden.

Maßgeblich zum Verständnis des biblischen Bildes vom Schöpfer ist dessen Beschreibung in Deuteronomium (5. Mose) 32, 4: »In allem, was er plant und ausführt, ist er vollkommen und gerecht.« Untersucht man den Schöpfungsbericht der Genesis im Besonderen und die Aussagen der Bibel im Allgemeinen, wird aber deutlich, dass »vollkommen« hier nicht »unter allen Lebensumständen auf dem Maximum des Möglichen« bedeutet. Adam und Eva wurden ermahnt, sich an das göttliche Gesetz zu halten: »Esst nicht [die Früchte vom Baum der Erkenntnis], berührt sie nicht, sonst müsst ihr sterben!« (Genesis 3, 2). Der von Gott mit ewigem Leben ausgestattete Mensch hatte so etwas wie eine Bedienungsanleitung für sich selbst erhalten; eine Missachtung derselben hätte unweigerlich Funktionsstörungen zur Folge. Der weitere Bibelbericht zeigt, dass es zu ebendieser Fehlbedienung kam. »Die Sünde dieses einen [Adam] brache den Tod mit sich, und alle verfielen dem Tod, weil sie auch alle selbst sündigten.« (Römer 5, 13). Innerhalb weniger Generationen entfernte sich der Mensch so immer weiter von dem ursprünglich für ihn von Gott vorgesehenen ewigen Leben. Demzufolge nahm die Lebensspanne ab (siehe Tab. 1). Eine plausible Erklärung für die zunächst nur allmählich, nach der Sintflut dann rascher abnehmende Vitalität wäre eine zunehmende Anfälligkeit gegen Krankheiten sowie die Anhäufung genetischer Störungen infolge von Mutationen. Der Apostel Paulus schildert den Zustand der Schöpfung zu seiner Zeit (und damit auch heute) als »unter der Knechtschaft der Vergänglichkeit seufzend« (Römer 8,19ff.). Wie diese kurze Zusammenfassung zeigt, vermittelt die Bibel ihn Wahrheit ein anderes Naturbild, als es die Verfechter des Unvollkommenheitsarguments suggerieren.

Tatsächlich gibt die Bibel nur grobe Anhaltspunkte zur ursprünglichen Schöpfung. Sie liefert aber kein Formel- oder Regelwerk, anhand dessen aus der Struktur der Natur, wie sie sich uns heute präsentiert, en détail auf einen Anfangspunkt der Schöpfung zurückgerechnet werden könnte. Dem Argument der Unvollkommenheit wird damit im Rahmen einer biblischen Theologie der Boden entzogen. Das ID-Konzept lässt darüber hinaus Mikroevolution innerhalb von Grundtypen ausdrücklich zu. Wie am Beispiel der abnehmenden Lebensspanne früher Menschen (Tab. 1) gezeigt wurde, können im Rahmen solcher Prozesse auch Rückbildungen und auf diese Weise »Unvollkommenheiten« entstehen.

Gewöhnlich bleiben die Verfechter des Unvollkommenheitsarguments auch eine Erklärung darüber schuldig, wie die bemängelten Lebensstrukturen besser konstruiert sein müssten, wenn sie von einem intelligenten Schöpfer erschaffen wurden.

Tab. 1: Degeneration des Homo sapiens veranschaulicht am Lebensalter der ersten Menschen im Geschlechtsregister Jesu Christi (Lukas 3, 35-38) nach der Genesis.
Person Lebensjahre  Genesis
Adam 930  5, 5
Seth 912  5, 8
Enosch 905  5, 11
Kenan 910  5, 14
Mahalalel 895  5, 17
Jared 962  5, 20
Henoch* 365  5, 23
Methusalah 969  5, 27
Lamech 777  5, 31
Noah 950  6, 28
Sem 600  11, 10-11
Arpachschad 438  11, 12-13
Schelach 433  11, 14-15
Eber 464  11, 16-17
Peleg 239  11, 18-19
Reu 239  11, 20-21

* Henoch starb eines vorzeitigen Todes (Genesis 5, 24).

A.2.2. Wissenschaftstheoretische Aspekte

Die Argumentation mit »Unvollkommenheit« beruht des weiteren stillschweigend auf einem Entweder-oder: Entweder Schöpfungsglaube oder Evolutionslehre. Doch Kritik an einer bestimmten Ursprungsvorstellung begründet nicht zwangsläufig eine andere. Was gegen Schöpfung spricht oder sprechen soll, passt nicht automatisch zur Evolutionstheorie. Dies gilt natürlich auch anders herum.

A.2.3. Biologische Kritik

Nachweis von Unvollkommenheit. Eine Betrachung des »Unvollkommenheitsarguments« aus biologischer Sicht führt zu weiteren Ungereimtheiten. Die bemängelten Unvollkommenheiten müssen nachgewiesen oder zumindest plausibel gemacht werden. Als Gould ([2], 21) das Argument am Beispiel des Panda-Daumens vorstellte, räumte er ein, dass er über die Geschicklichkeit der Tiere erstaunt sei. Wieso sollte der Panda-Daumen also unvollkommen sein? Um das Unvollkommenheitsargument vom Geruch einer hauptsächlich von Gefühlen gesteuerten Mutmaßung zu befreien, muss für die betrachtete Struktur eine bessere Konstruktion nachgewiesen werden. »Besser« (im Sinne des Arguments vollkommen) hieße, unter den Umweltbedingungen, in denen der Organismus gebildet wurde, geeigneter. Wie im Abschnitt A.2.1.3. bereits gezeigt wurde, haben jedoch Aussagen dazu kaum die Chance, über den Status von Spekulationen hinauszukommen.

In vielen Fällen haben sich vermeintliche Unvollkommenheiten als Wissenslücken seitens der Kritiker erwiesen. So konnte etwa durch genauere Untersuchungen der Panda-Tatze nachgewiesen werden, dass bei ihr viel feinere Greifmechanismen verwirklicht sind, als früher vermutet worden war. Die Pandabären setzen ihre Tatze offenbar sehr gekonnt und zweckmäßig ein. Daher bleibt wenig Raum für den Nachweis einer »Unvollkommenheit«. Das »Panda-Prinzip« steht ausgerechnet im Falle seines Kronzeugen auf tönernen Füßen.

Da die Forschung ständig neue Erkenntnisse zu Tage fördert, bleiben Bezugnahmen auf sogenannte Unvollkommenheiten immer »weiche« Argumente. Ihr Haltbarkeitsdatum wird vom Fortschritt der Erkenntnisse über die Funktion der Organe bestimmt. Gewiss gibt es eine ganze Reihe von Organen, deren Funktionalität über die gesamte Entwicklung (Ontogenese) des Organismus vom Embryonalstadium bis zur Geschlechtsreife erst teilweise oder gar nicht geklärt ist. Als Munition für herablassende Polemik gegenüber den Anhängern des Intelligent Design eignen solche »Unvollkommenheiten« wohl kaum.

Fazit: Unvollkommenheiten in der Natur können nicht objektiv festgestellt werden und damit nicht als Belege für Evolution dienen.

Info 

Shadow OR Informationen zu <Thema>

Polyfunktionale Organe

Die Organe der Lebewesen sind in der Regel polyfunktional, das bedeutet, sie üben mehr als nur eine Funktionen aus bzw. erfüllen gleichzeitig verschiedene Zwecke. Daraus folgt, dass nicht jede einzelne Struktur für jeden Zweck, den sie erfüllt, optimal sein kann. Kompromisse sind unvermeidlich. Ein Urteil über die Vollkommenheit eines Organs kann sinnvollerweise nur gefällt werden, wenn der Organismus als Ganzes betrachtet wird. Dabei muss auch seine Ontogenese (die individuelle Entwicklung von der Befruchtung bis zum Tod) berücksichtigt werden. Die isolierte Betrachtung einzelner Organe ist verfehlt, erst recht, wenn diese im Hinblick auf nur eine von evtl. mehreren Funktionen bewertet werden.

Grundtypen und Mikroevolution

Wenn mutmaßliche Unvollkommenheiten durch mikroevolutive Prozesse im Grundtyprahmen erklärbar sind (vgl. Mikro- und Makroevolution und Grundtypen), sind sie auch im schöpfungstheoretisch interpretierten Grundtypmodell erklärbar und werden in diesem Rahmen durchaus auch erwartet. Es kann sich um Degenerationen handeln oder auch um Kompromisse zwischen verschiedenen Funktionen (s.o.).

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B. Beispiele angenommener Unvollkommenheit

B.1. Das Auge - Nur Pfusch?

B.1.1. Beanstandete Merkmale

Am 11.8.2005 erschien im Wochenblatt Die Zeit unter dem Titel »Gott pfuscht auch« ein ziemlich aufgeregter Artikel von Steve Jones [4]. Der Autor populärwissenschaftlicher Bücher setzt, ohne faktische Begründung, das ID-Konzept mit der Überlegung gleich, ob nicht doch der Klapperstroch die Kinder bringe. Wörtlich sagt er: »Intelligent Design ist keine wissenschaftliche Theorie. Sie speist sich aus Denkfaulheit und Arroganz.« Aha, so haben wir uns also eine sachliche Auseinandersetzung und sauberen Journalismus vorzustellen. Nun muss Rhetorik nichts Anstößiges und ein Spritzer Ironie nichts Schlechtes sein, wenn sie dazu dienen, eine tatsachenfundierte Argumentation vorzubereiten oder ihr im Nachklapp eine besondere Würze zu verleihen. Wir wollen also sehen, was Jones noch zu bieten hat.

In seinen weiteren Ausführungen bezieht sich Jones zunächst auf Charles Darwin, erwähnt anschließend einige Details über unvollkommene Augenkonstruktionen in der Natur, um abschließend zu einem polemischen Rundumschlag gegen all jene auszuholen, die sein Verständnis von Lebensentstehungsprozessen nicht teilen wollen:

Darwin ... benutzte ein bekanntes Beispiel: das Auge. Bis heute ist es eine perfekte Widerlegung der Design-Idee. Zwar sind Augen komplexe Systeme, und wir verstehen nicht in allen Details, wie sie funktionieren - aber die Evidenzen, dass sie ohne bewusste Intervention entstanden, sind überwältigend. ... Alle Augen in der Natur sind gerade nur so kompliziert wie nötig. Tatsächlich ist ihre nur scheinbare Vollkommenheit ein Argument gegen Intelligent Design, denn jede Augenkonstruktion hat ihre eigenen großen Schwächen.

... Unsere Augen sind alles andere als perfekt, zum Glück sind uns ihre Mängel nicht bewusst. Die Evolution hat alle biologischen Systeme immerwährend modifiziert, aber keines perfektioniert. Ihre Fähigkeiten sind begrenzt. Auch unser Auge ist ein Sklave dieses nicht zu beugenden Gesetzes. Es begann in der Evolution als ein Fleck lichtempfindlicher Zellen auf der Haut, die sich später zu einer becherartigen Vertiefung und dann zu einer primitiven Lochkamera umformten. Bevor das Licht in unseren Augen auf die Sensoren in der Netzhaut trifft, muss es jedoch erst die Schicht der Nervenfasern passieren, die die visuelle Information zum Gehirn leiten. Das entspräche einer Kamera, bei der die lichtempfindliche Seite des Films auf der falschen Seite liegt. Im Geschäft wäre diese Konstruktion ein Ladenhüter.

... Das evolutionäre Lied von den Augen hat viele Dissonanzen. Es ist nicht das Werk eines großen Komponisten, sondern eines Arbeitstiers ohne Bewusstsein. Kein grandioser Ingenieur hat Augen und alles andere in der Welt des Lebens geschaffen. Es war ein Kesselflicker. Ob es einen großen Designer da draußen gibt, ist nicht Gegenstand der Wissenschaft. Wenn es ihn geben sollte, beweist die Evolution vor allem eins: Er erledigt seinen Job miserabel.

Jones bezeichnet das Auge deshalb als »Ladenhüter«, weil es eine sogenannte inverse Retina besitzt (siehe fett Gedrucktes): Beim Menschen wie auch bei vielen anderen Tiergruppen liegen in der Netzhaut (Retina) die Lichtsinneszellen (Photorezeptoren) in der am weitesten vom Licht abgewandten Schicht, unmittelbar vor dem Pigmentepithel (siehe Abb. 3). Nachdem man das Urteil von Jones verinnerlicht hat, mag man sich wundern, wie ein normaler gesunder Mensch überhaupt dazu in der Lage sein kann, seinen Artikel wahrzunehmen, muss der Leser sich dabei doch mit einem »Ladenhüter« voller »Mängel« begnügen, der das »miserable« Werk eines »Kesselflickers« ist. So viel zum Thema Sachlichkeit.

Die Ausführungen im Abschnitt A treffen natürlich auch auf den Artikel von Jones zu: Er bedient sich einer theologischen Argumentation, stellt also Mutmaßungen über den Schöpfer an und begeht nach dem Entweder-oder-Prinzip den unzulässigen Umkehrschluss, dass ein nicht existierender Schöpfer zwangsläufig Evolution beweise. Bleibt zu klären, ob er - stellvertretend für alle, die das gleiche Unvollkommenheitsargument unermüdlich wiederholen - wenigstens seine Hausaufgaben gemacht hat. Ist das Auge, egal, ob von der Evolution oder von einem intelligenten Konstrukteur entwickelt, nur Pfusch?

B.1.2. Fachliche Analyse des Arguments

Um es kurz zu sagen: Die scheinbaren Sachargumente von Jones zur Rechtfertigung des ausschließlichen Wahrheitsanspruchs der synthetischen Evolutionstheorie sind schon seit Jahren als unzureichend nachgewiesen. Eine ausführliche Abhandlung hierzu erschien bereits vor dreißig Jahren unter dem Titel Auge widerlegt Zufalls-Evolution. (Der Genetiker Dr. Wolf-Ekkehard Lönnig stellt sein umfangreiches Werk in einer überarbeiteten Neufassung jedem interessierten Leser im Internet auch online zur Verfügung [5].)

Netzhaut (Retina)
Abb. 3: Die Netzhaut (Retina) des Menschen (Dicke ca. 400 µm) nach Goll und Schwoerbel [11];
zum Vergrößern anklicken (61 KB)

B.1.2.1. Widersprüche zur darwinistischen Argumentation

Lönnig weist darauf hin, dass bei genauerer Überlegung die darwinistischen Behauptungen zur inversen Retina massiv dem Darwinismus selbst widersprechen. Dazu erklärt er ([5], insbesondere http://www.weloennig.de/AuIINeBe.html):

Wie schon angedeutet, tritt eine inverse Retina vielfach unabhängig voneinander in sehr verschiedenen Tiergruppen auf (Details bei Salvini-Plawen und Mayr 1977 [10]). Selbst nach neodarwinistischen Voraussetzungen ist nicht anzunehmen, dass die Selektion, die in Hunderten und Tausenden von Mikromutationsschritten »aufmerksam jede geringe Veränderung der durchsichtigen Lagen« und von allen anderen Strukturen des Auges beobachten und sorgsam jede Verbesserung erhalten soll ..., am laufenden Band und immer wieder von neuem dasselbe Stümperstück einer inversen Retina hervorbringen würde.

Nach neodarwinistischen Voraussetzungen müsste die Selektion bereits die Orientierung der Photorezeptoren in einem einfachen Augenfleck dirigieren.

Jedenfalls ist die Auffassung, dass mit dem speziellen inversen Aufbau der Retina der Wirbeltiere und anderer Tiergruppen besondere (aber noch unbekannte) Funktionen vorliegen könnten, wissenschaftlich grundsätzlich fruchtbarer als von vornherein von evolutionistisch bedingten Fehlkonstruktionen zu reden und dadurch gar nicht erst nach weiteren funktionellen Ursachen zu fragen - was der Forschung wenig Antrieb gibt.

Im Abschnitt »Morphologische Serie bei den Bivalvia« von [5] geht Lönnig auf den konkreten Versuch von Salvini-Plawen und Mayr [10] ein, die Entwicklungsschritte des Auges anhand von Muscheln nachzuweisen. Dabei fällt auf, dass die Autoren ihre »Morphologische Serie« nicht aus einer vermuteten Abstammungslinie aufbauen, sondern aus Vertretern dreier verschiedener Überfamilien der Muscheln (Bivalvia). Bezugnehmend auf Abbildung 4 weist Lönnig auf fehlende Übergangsstufen (Diskontinuitäten) zwischen den verschiedenen Augentypen hin. Bezugnehmend auf die inverse Retina führt er aus:

Eine weitere Diskontinuität liegt von C nach D vor: Die Lage der inversen Retinazellen kann man schlecht mit einem Schritt von der eversen Form ableiten. Bei einer Umwandlung durch Mikromutationsschritte bedarf es auch hier Hunderter Zwischenstufen. Weiter erhebt sich an dieser Stelle wieder die Frage nach dem Selektionswert solcher Zwischenstufen: Wie wir oben gesehen haben, soll ja nach Bakken und vielen anderen Neodarwinisten gerade die inverse Lage der Retina ein Musterbeispiel miserabel zusammengestümperter (»badly bungled«) Strukturen bei den Organismen sein, die aus diesem Grunde nicht für die Weisheit und Schöpfung Gottes eingesetzt werden können. Und diese Fehlkonstruktionen von inversen Retinarezeptoren sollen in Form vieler kleiner Schritte jeweils klare Selektionsvorteile gegenüber der besseren eversen Retinalage gehabt haben? Wenn die Lichtrezeptoren jedoch in ihrer eversen Lage optimal funktioniert haben - welche Vorteile hatte dann diese ganze (Fehl-)Entwicklung?

Bis hierhin kann zusammenfassend gesagt werden, dass es wenig plausibel erscheint, warum die Evolution denselben Fehler bei der mehrfachen (analogen) Neukonstruktion immer wieder gemacht haben soll. Offenbar ist die inverse Retina sinnvoller, als von den Benutzern des Unvollkommenheitsarguments ausgeführt wird. Im folgenden Abschnitt wird darüber hinaus gezeigt, dass der Begriff der »Unvollkommenheit« im Zusammenhang mit unterschiedlich komplexen Organismen eine abgestufte Relativierung erfordert, die in darwinistischen Beurteilungen oft übersehen wird.

Morphologische Serie der Augen von Bivalvia
Abb 4: Morphologische Serie von Differenzierungen (einschl. inversion) in Augen am Mantelrand von Bivalvia (cf. Hesse, 1908; Küpfer 1916; Stasek 1966; Barber et al.,1967; und andere): A: Everses Grubenauge von Arca barbata (Arcacea); B: Everses Lochkameraauge von Lima squamosa (Pectenacea); C: Everses geschlossenes Linsenauge und ziliares Sinnesorgan von Tridacna maxima (Cardiacea); D: geschlossenes Linsenauge mit inverser Retina und ziliares Sinnesorgan bei Cardium muticum (Cardiacea); E: Geschlossenes Linsenauge oder Pecten maximus (Pectanacea) mit proximaler Retina wie bei Cardium, aber mit inversem ziliarem Sinnesorgan, das der distalen Retina entspricht. (li=multizelluräre Linse; nd=distale Verzweifung des Sehnervs; np=proximaler Zweig des Sehnervs; so=ziliares Sinnesorgan; vm=glasiges Gel.)

B.1.2.2. Verzerrte Betrachtungsweisen durch Anthropomorphismen

Bei der Betrachtung angenommener Unvollkommenheiten im Tier- und Pflanzenreich liegt, wie Lönnig [5] ausführt, ein grundsätzliches Problem darin, dass sich »durch die gesamte Evolutionstheorie ein ungeheurer Anthropomorphismus« zieht. Mit anderen Worten, Vollkommenheit und Unvollkommenheit werden ständig aus Sicht des Menschen beurteilt. So schreibt etwa J. Maynard Smith: »... eine einzige lichtempfindiche Zelle ist besser als nichts, eine lichtempfindliche Zelle mit einer Pigmentschicht auf einer Seite ist ebenfalls besser usw.«; »... ein Organ, das dir sagt, ob das Licht an ist oder woher es kommt, mag um Einiges besser sein als nichts, zumindest wenn du ein Bandwurm bist.« Ist das wirklich so? Für einen Bandwurm dürften diese Aussagen völlig irrelevant sein. Andere Lebensformen sind ihren Bedürfnissen entsprechend mit unterschiedlich komplexen Lichtsinnesorganen ausgestattet. Sie sind nicht wirklich »primitiv« - ein Begriff, den Evolutionisten gerne benutzen, weil sie in jede Überlegung einen evolutiven Prozess einbeziehen -, sondern allenfalls weniger komplex.

B.1.2.3. Aktuelle Bewertung der inversen Retina

Der Roman Die Galerie der Lügen, der für eine fairen Gedankenausausch zwischen den Vertretern der ID und der Synthetischen Evolutionstheorie plädiert und letztlich zur Entstehung dieser Infoseiten geführt hat, ist erstmalig bei Ehrenwirth im Jahr 2005 erschienen. Wie sahen die Forschungsergebnisse zu dieser Zeit aus? Ja, wie beurteilen Experten, die sich abseits der Diskussion um Evolution und ID ganz unbelastet über das menschliche Auge äußern, diesen irgendwie vertauscht anmutenden Aufbau des Auges? Exemplarisch soll in diesem Zusammenhang auf einen Artikel aus RxPG News, einem »News Channel für Medizinprofis«, Bezug genommen werden. Unter der Rubrik »Augenheilkunde« (Ophthalmology) titelte der Online-Nachrichtenkanal am 31.5.2005: »Stanfort-Physiker und Augendoktoren entwerfen ein ›bionisches Auge‹«. Wie urteilen Wissenschaftler, die an einer Augenprothese arbeiten, über das Vorbild aus der Natur? Der Artikel führt dazu aus:

Das Auge ist eine komplexe Maschine. Es hat mehr als 100 Millionen Photorezeporen. »Wenn wir es beispielsweise mit modernen Digitalkameras vergleichen, würde es 100 Megapixel haben«, sagt [Daniel] Palanker während eines Interviews im Hansen Experimental Physics Laboratorium. »Wir kaufen üblicherweise Kameras mit drei Megapixeln, vielleicht auch vier.« Und wenn eine elektronische Kamera bei der Bildverarbeitung einen guten Job erledigt, dann leistet das Auge spektakuläre Arbeit, indem es die Informationen komprimiert, bevor sie durch eine Million Axonen [informationsleitender Strang von Nervenzellen] gesandt werden, die den Sehnerv bilden. »Wir haben einen eingebauten Prozessor im Auge«, sagt Palanker. »Bevor das Bild in das Gehirn wandert, wird es signifikant verarbeitet.«

Anerkannte Forscher auf dem Gebiet der Augenheilkunde - im konkreten Fall waren es Daniel Palanker, Alexander Vankov und Phil Huie vom Department of Ophthalmology sowie dem Hansen Experimental Physics Laboratory und Stephen Baccus vom Department of Neurobiology - bewerten unser Sehorgan offenbar ganz anders als Steve Jones, der es als »Ladenhüter« madig macht. Andere Quellen wie [7] sprechen sogar von 120 Mio. Photorezeptoren und nennen zudem weitere beeindruckende Leistungsmerkmale . Treibt man damit den Vergleich mit einer elektronischen Digitalkamera auf die Spitze, so verstärkt sich noch Eindruck von einem optischen System, das heutigen technischen Lösungen in seiner Kombination aus Kompaktheit und Leistungsfähigkeit weit überlegen ist:

  • Anzahl der Detektoren (Lichtsinneszellen) ca. 120 Millionen auf einer Fläche von ca. 2 cm2.
  • Konvergenz von vielen Rezeptoren auf wenige Nervenfasern (von zentral nach peripher zunehmend) bis zum Verhältnis 1000:1 möglich.
  • Höhe des ausgelösten Spannungspotentials in einer Sinneszelle bei Lichteinfall 30 mV.
  • Verhältnis der geringsten zur größten Leuchtdichte, die vom Auge wahrgenommen werden kann: 1 : 1012.
  • Brechungskraft (Akkomodationsbreite) des Auges von 58 bis 68 Dioptrien.
  • Geringste Entfernung, in der noch scharf gesehen werden kann (Nahpunkt): 0,1 m; größte Entfernung in der noch scharf gesehen werden kann (Fernpunkt): unendlich.
  • Kleinster Winkel, bei dem das Auge zwei Punkte nebeneinander wahrnimmt: 1/60 Grad.
  • Regulation des Lichteinfalls durch die Pupille um den Faktor 16.

Es wäre einmal interessant zu erfahren, wo sich das Fotogeschäft befindet, das auf einer quasi kostenlosen 120-Megapixel-Kamera mit diesen technischen Daten sitzen bliebe. Vielleicht ist sein Betreiber ja ein Menschenfresser irgendwo im Busch von Neuguinea?

Interessanterweise schwärmen die erwähnten Forscher nicht einfach nur ganz allgemein von der Leistungsfähigkeit des menschlichen Auges, sie gehen ganz konkret auch auf den angeblichen Mangel ein:

Gefühlsmäßig mag uns die Arbeitsweise des [menschlichen] visuellen Systems widerstreben: Das Signal reist von der Rückseite des Auges in dessen Inneres, anstatt von der inneren Oberfläche der Retina hinaus auf die Rückseite des Auges. Aber metabolisch [im Stoffwechselprozess] aktive Fotorezeptoren benötigen eine starke Energiezufuhr. Sie sind an eine in hohem Grad pigmentierte Schicht - das Retinal-Pigment-Epithel (RPE) - angeschlossen, welches oben auf einer mit Blutgefäßen hoch angereicherten Gewebeschicht (Chorioidea) wächst und einen starken Blutdurchsatz gewährleistet. Befände sich die Blutzufuhr und das RPE innerhalb des Auges, würden sie den Lichteinfall auf den lichtempfindlichen Zellen einschränken. [Daniel] Palanker erklärte: »Es [das Auge] ist deshalb umgekehrt aufgebaut, weil die Zellen auf der Oberfläche - die bipolaren und die Ganglienzellen - nicht so viele Nährstoffe and so starke Stoffwechselunterstützung benötigen wie die Photorezeptoren.

Die Forscher gehen hier auf einen Aspekt ein, den Jones - aus welchen Gründen auch immer - in seiner Beurteilung des menschlichen Auges unberücksichtigt gelassen hat. Die Lichtsinneszellen (Photorezeptoren) sind in der Lage, einen Nervenimpuls aus einem einzigen eingefangenen Energieteilchen des Lichts (Photon) zu generieren. Das entspricht der unglaublichen Verstärkungsleistung von etwa 105 bis 106. Ein einzelnes eingefangenes Photon verändert dabei nur ein Molekül, das Rhodopsin (Sehfarbstoff). Diese Veränderung bewirkt letztendlich einen Nervenimpuls. Nun wissen wir möglicherweise aus der Technik, dass Leistungsverstärkung mit wachsendem Energiehunger einhergeht. Computerprozessoren sind wahre »Stromfresser« und sie müssen zudem immer stärker gekühlt werden, weil ein Großteil der aufgenommenen Energie in Wärme umgewandelt wird. Für die Photorezeptoren in der Netzhaut (Retina) gilt Ähnliches. Sie benötigen für die beschriebene Leistungsverstärkung extrem viel Energie. Wie groß dieser Bedarf ist, lässt sich daran erkennen, dass - bezogen auf das Eigengewicht - kein anderes Gewebe des Körpers so viel Sauerstoff und damit auch Nährstoffe verbraucht. Der Sauerstoffkonsum der Retina ist sechsmal größer als der des Herzens, dreimal größer als bei der Hirnrinde und noch doppelt so groß wie in den Nieren. Das Sehen ist energieaufwändiger als die Pumpbewegungen des Herzens (das Gleiche trifft auf die Funktionen der Hirnrinde und der Nieren zu). Photorezeptoren sind in dieser Beziehung die »hungrigsten« Zellen.

Der enorme »Hunger« wird durch das oben erwähnte, einzigartige Kapillargeflecht auf der Augenrückwand erreicht. Die Haargefäße sind um einiges größer als vergleichbare Kapillaren, etwa in den Lungen. Sie sind flach und auf der Seite, wo sie mit den Photorezeptoren verbunden sind, dünner. Zum Schutz und zur Funktion des Auges liegen zwei dünne Gewebsschichten zwischen diesen Blutgefäßen und den Rezeptoren, das besagte Retinal-Pigment-Ephitel (RPE) und die Bruch'sche Membran. Die Choroid-Kapillaren bewältigen 80% des Blutdurchflusses des gesamten Auges. Diese relativ große Menge an Blut bewirkt, dass der Sauerstoffpartialdruck (O2-Druckgefälle) von den Arterien zu den Venen nur um ca. 3% sinkt, bei normalen Kapillaren können es durchaus 50% sein. Den Photorezeptoren, insbesondere den lichtempfindlichen Teilen, steht also jederzeit genügend Sauerstoff und Nahrung zur Verfügung [14].

Wie der Blick auf die Details zeigt, ist der Aufbau der inversen Retina kein Designfehler, sondern vielmehr die optimale Lösung für die anspruchsvollen Aufgaben, die das Auge bewältigen muss. In Kenntnis dieser Fakten wird die inverse Retina in Fachkreisen auch nicht als »Pfusch«, sondern als leistungsfähige Komponente einer hoch effektiven biologischen Maschine angesehen (vergl. hierzu auch [7] und [8]). Es bleibt zu hoffen, dass auch die Autoren populärwissenschaftlicher Beiträge sich dem aktuellen Kenntnisstand allmählich öffnen werden. So lange dies nicht der Fall ist, beweist das Unvollkommenheitsargument im konkreten Beispiel nämlich nur eins: wie unvollkommen der Argumentierende ist. Im vorliegenden Zeit-Artikel von Steve Jones [4] ist sehr schön zu sehen, wie peinlich es für einen Autor ausgehen kann, wenn er Andersdenkende als »denkfaul und arrogant« bezeichnet, obwohl er sich offenbar selbst nicht einmal zu den einfachsten journalistischen Recherchen aufraffen kann.

Wie leicht man sich in seiner eigenen Argumentation zu verheddern vermag, zeigt Jones' Äußerung: »Unsere Augen sind alles andere als perfekt, zum Glück sind uns ihre Mängel nicht bewusst.« Wenn wir mit unserem Sehorgan bestens zurechtkommen und uns keines angeblichen Mangels bewusst sind, warum sollte es da unvollkommen sein? Wie bereits erwähnt, kann Vollkommenheit nie universell sein. Ein biologischer Apparat vermag nie unter allen Bedingungen perfekt zu funktionieren, sondern nur in dem Lebensumfeld, für das er entwickelt wurde. Er ist dann (in relativem Sinne) vollkommen, wenn er hier alle Anforderungen erfüllt, die dem Organismus ein erfolgreiches Dasein ermöglichen.

Unterm Strich bleibt von Steve Jones Artikel also nicht viel übrig, wenn man seine Rhetorik und die Ironie wegkürzt. Eigentlich gar nichts.

B.2. Die Luft- und Speiseröhre des Menschen

Kommen wir zu einem weiteren Paradebeispiel angeblicher Unvollkommenheiten im Design des Menschen. Der oben bereits erwähnte Chemiestudent hat sehr viel Fleiß darauf verwendet, mir die »ziemlich dumm[en] und unintelligent[en]« Konstruktionen in der Natur nahezubringen, was ich - ohne jede Ironie - sehr löblich finde. Er schrieb unter anderem:

B.2.1. Das Argument der Unvollkommenheit

Das ... Beispiel ist die parallele Lage von Luft- und Speiseröhre. Das ist keine sonderlich schlaue Konstruktion. Es kommt öfters vor, dass Leute ersticken, weil sie sich verschluckt haben. Die Evolutionstheorie kann das leicht erklären. Wenn erst einmal eine Röhre existiert, ist es viel einfacher, diese in zwei aufzuteilen, welche dann parallel zueinander liegen und Dinge wie den Hustenreflex zu entwickeln, als eine Zweite zu verlegen. Gibt es eine solche Lösung, setzt sie sich durch und es kann kaum eine schlauere entstehen, weil diese in ihren Zwischenschritten mit der dümmeren konkurrieren und aussterben würde.

 

B.2.2. Anatomie der bemängelten Strukturen

Das Unvollkommenheitsargument in der hier vorliegenden Ausprägung legt die Vermutung nahe, dass es für die Evolution ein vergleichsweise einfaches Unterfangen war, aus einer Röhre zwei zu machen. Für alle jene, denen nicht (mehr) gewärtig ist, welcher Konstruktionsaufwand in den beiden Röhren steckt, hier zunächst ein vereinfachter anatomischer Überblick:

B.2.2.1. Die Luftröhre (Trachea)

Die Luftröhre (fachspr.: Trachea) ist ein elastisches Rohr, das zwischen Kehlkopf und Hauptbronchien verläuft. Beim erwachsenen Menschen ist sie zehn bis zwölf Zentimeter lang. Vorder- und Hinterwand sind unterschiedlich beschaffen. Vorne ist die Trachea durch 16 bis 20 hufeisenförmige durchscheinende (hyaline) Knorpel verstärkt, um nicht zufolge der Luftdruckschwankungen beim Einatmen zusammenzufallen. Diese Knorpel sind durch Bänder (die ligamenta anularia) miteinander verbunden. Dagegen besteht die Hinterwand (Paries membranaceus) aus bindegewebigen und muskulären (Musculus trachealis) Strukturen, die eine Verengung der Lichtung der Luftröhre um 1/4 möglich machen. Die Knorpelhaut der Knorpelspangen strahlt in die ligamenta anularia ein. Die Schleimhaut der Luftröhre wiederum ist fest mit der Knorpelhaut verwachsen, wobei sich der an der Hinterwand anliegenden Teil bei der Kontraktion des Trachealmuskels dergestalt verschieben lässt, dass sich Längsfalten bilden können, zwischen denen Drüsen (Glandulae tracheales) einmünden, die ein seromuköses (aus schleimigem Serum bestehendes) Sekret absondern. Über die geordnete Tätigkeit eines zweireihigen Flimmerepithels werden Schleim und Staubteilchen nach oben befördert und abgehustet oder abgeräuspert. Diese Schleimhaut (Mukosa) kleidet die gesamte Innenwand der Luftröhre aus und enthält überdies Becherzellen sowie neuroendokrine Zellen (letztere können als neuroepitheliale Körperchen zusammenliegen und zum APUD-System gehören). Diese dienen ebenso wie diejenigen in den Bronchien als Chemorezeptoren zur Überwachung der Atemgase.

B.2.2.2. Die Speiseröhre (Ösophagus)

Die Speiseröhre (fachspr.: Ösophagus) ist ein kaum weniger komplexes Organ (siehe Abb. 5). Beim erwachsenen Menschen ist sie etwa 25 bis 30 Zentimeter lang. In ihrem oberen Teil liegt sie hinter der Luftröhre und vor der Wirbelsäule. Sie wird ihrem Verlauf entsprechend in drei Abschnitte unterteilt:

  1. Halsabschnitt: pars cervicalis
  2. Brustabschnitt: pars thoracica
  3. Bauchabschnitt: pars abdominalis

Des Weiteren weist die Speiseröhre drei physiologische Engstellen auf:

  1. Ösophagusmund (oben)
  2. Aortenenge an der Kreuzung des Aortenbogens (Mitte)
  3. Zwerchfellenge am Eintritt der Speiseröhre in den Bauchraum (unten) durch eine Öffnung des Zwerchfells (des Hiatus oesophageus)

Insbesondere die Zwerchfellenge bildet einen komplexen Verschlussmechanismus (Ösophagussphinkter oder Kardia). Der Verschluss dieser unteren zwei bis fünf Zentimeter der Speiseröhre wird durch nicht weniger als vier Komponenten sichergestellt:

  1. steht die Speiseröhre unter einer Längsspannung;
  2. ist dieses muskuläre Rohr am Übergang zur Magenöffnung in der Längsachse verdreht, was einen Wringverschluss bewirkt;
  3. herrscht im Brustbereich ein Unterdruck, im Bauchbereich jedoch ein Überdruck, der zum Verschluss des Bauchanteils der Speiseröhre beiträgt und auch als funktioneller Kardiasphinkter bezeichnet wird und
  4. ist ein Venenpolster in der Schleimhaut im unteren Abschnitt der Speiseröhre vorhanden.

Die Speiseröhre ist zudem mit einer gefalteten Schleimhaut (Mukosa) ausgekleidet, die mikroskopisch aus einer Epithelschicht (Lamina epithelialis mucosae), einer epithelialen Muskelschicht (Lamina muskularis mucosae) und einer dazwischenliegenden Schicht aus Bindegewebe (Lamina propria mucosae) besteht. Die äußere Wand besteht aus einem Muskelschlauch (Tela muscularis), die Muskelfasern verlaufen außen längs und innen quer. Zwischen der Schleimhaut und der Muskelwand ist ein Bindegewebepolster (Tela submucosa), sie enthält die sogenannten Brunner'sche Drüsen.


Abb. 5: Anatomie der Speiseröhre (Ösophagus);
zum Vergrößern Bild anklicken (26 KB).

B.2.2.3. Zusammenfassung des anatomischen Befunds

Der in den beiden vorstehenden Abschnitten skizzierte Aufbau der Luft- und Speiseröhre sollte genügen, um den Eindruck zu zerstreuen, hier sei lediglich von zwei simplen biologischen Schläuchen die Rede, die sich ohne großen Aufwand verdoppeln ließen. Mit diesen Grundkenntnissen wollen wir uns nun dem unter B.2.1. wiedergegebenen Unvollkommenheitsargument zuwenden.

B.2.3. Analyse des spezifischen Unvollkommenheitsarguments

B.2.3.1. Allgemeine Beurteilung des Arguments

Grundsätzlich gilt auch hier: Ob die Anatomie von Luft- und Speiseröhre von einem Schöpfer klüger und intelligenter gestaltet worden wäre, obliegt dem subjektiven Empfinden des Betrachters. Ebenso subjektiv, aber genauso zulässig wäre die Behauptung, der Schöpfer habe für den Menschen, als er ihn in ein Paradies setzte, etwas Besseres vorgesehen als den tägliche Stress, der uns heute oft dazu zwingt, die guten Sitten zu vernachlässigen (»Beim Essen spricht man nicht!«), wodurch man sich natürlich viel häufiger verschluckt - mit all den hässlichen Folgen. Es ließe sich auch behaupten, Gott habe keine Fastfood-Restaurants gewollt, die dazu verleiten, im Laufschritt mit dem Burger oder dem Asiawrap in der Hand durch die Fußgängerzohne zu hasten und vor lauter Eile etwas in den »falschen Hals« zu bekommen. Und dass überall die Coffee-to-go-Läden aus dem Boden schießen, auf dass wir bald wie in der Neuen Welt allseits mit verdeckelten Bechern herumrennen und unseren Verdauungs-/Atemwegskanal mehr oder weniger unkontrolliert mit Flüssigkeiten durchspülen, das hat er bei unserer Konstruktion wohl auch nicht berücksichtigt - möglicherweise, um uns von solchen Dummheiten abzuhalten. Was er überdies schon gar nicht beabsichtigt haben dürfte, das sind Anomalien wie Asthma, Achalasie und krankhafte Veränderungen dieses Trakts (z.B. Ösophagusatresie), die aus einem normalen physiologischen Vorgang ein erstickungsträchtiges Unterfangen machen.

Dieses kleine Beispiel zeigt, wie wenig ergiebig ein solcher theologisch-philosophischer Diskurs ist. Von einer wissenschaftlichen Herangehensweise kann nicht die Rede sein, wenn der Urteilende sich nach eigenem Gusto die Erklärungen heraussucht, die sich möglichst reibungslos in sein, meist über lange Zeit vorgeprägtes, Erwartungsschema fügen. Fruchtbarer - und der wissenschaftlichen Arbeitsweise angemessener - wäre es indes, einige konkrete Fragen zu stellen und dann anhand von Beobachtungsdaten, Experimenten oder zumindest plausiblen Modellen nach Antworten zu forschen.

 

B.2.3.2. Darwinistische Gesichtspunkte

Eine Frage könnte lauten: Wie sehen die einzelnen mikroevolutiven Schritte aus, die zur Teilung der einen Röhre in zwei geführt haben sollen? Wie im Abschnitt B.2.2. gezeigt, ist ja sowohl die Luftröhre als auch die Speiseröhre (vergl. auch [11]) mehr als ein einfach strukturierter Gewebeschlauch. Vielmehr handelt es sich in beiden Fällen um komplexe und hoch spezialisierte Zu- bzw. Ableitungssysteme. Verglichen mit entsprechenden technischen Apparaturen finden wir Einrichtungen wie Umlenkungsklappen, querschnittregulierende Durchflussmengenbegrenzer, Messfühler für die Luftzusammensetzung, Rücklaufsicherungen u.v.m. Jede dieser Verbundröhren ist aus aufeinander abgestimmten Komponenten aufgebaut, die sich zumindest teilweise gegenseitig bedingen, was bedeutet, dass der Wegfall einer Komponente, das gesamte System unbrauchbar macht bzw. die Hinzufügung einer anderen Einzelkomponente ohne Funktion und daher ohne Selektionsvorteil bleiben muss.

Wie aus Abb. 5 ersichtlich, verlaufen die Luftröhre (Trachea) und die Speiseröhre zwischen Kehlkopf (Larynx) und der Aufzweigung der Luftröhre (Trachealbifurkation), die der Versorgung der beiden Lungenflügel mit Sauerstoff dient, parallel. Der Kehlkopf ist ein polyfunktionales Organ, da er sowohl der Stimmerzeugung (durch den Ausatemstrom und die sich im Kehlkopf befindlichen Stimmlippen) dient, als auch der Trennung des Luft- und Speiseweges. Letzteres erfolgt mittels des Kehldeckels, der sich beim Schlucken von Nahrung oder Speichel zum Schutz über die Luftröhre legt. Eine Luftröhre ohne diesen Deckel wäre im wahrsten Sinne des Wortes ein waghalsiges Unterfangen, da a) bei Verstopfung durch größere Speiseteile unmittelbare Erstickungsgefahr droht und b) eindringende Fremdkörper kleinerer Dimension oder Flüssigkeiten lebensbedrohliche Lungenentzündungen auslösen können. Ohne diesen zusätzlichen Schutzmechanismus macht die Aufteilung der Speiseröhre in zwei parallele Kanäle kaum Sinn. Die Veränderungen müssen schon gleichzeitig erfolgt sein, was kaum wahrscheinlich ist. Noch schwieriger wird die Erklärung der mikroevolutiven Einzelschritte wenn man weitere funktionswichtige Komponenten hinzunimmt wie das zweireihige Flimmerepithel zum Abtransport von Schleim und Staubteilchen. Jedes einzelne Element des komplexen Systems ist für sich betrachtet wiederum zu aufwändig beschaffen, um aus einer einzigen Makromutation hervorgegangen zu sein.

Objektiv betrachtet ist die Aufteilung der Speiseröhre in ein Doppelröhrensystem also alles andere als einfach. Wie in anderen Beispielen auch (vergl. Abschnitt B.1.2.1) stellen Darwinisten bisweilen morphologische Serien einfach nach ihrer Ähnlichkeit zusammen und erklären sie als abstammungsgeschichtlich (phylogenetisch) verwandt. Um diese Hypothese zu untermauern, verweisen sie wiederum auf die Ähnlichkeit der Strukturen - was kein Beweis, sondern ein unzulässiger Zirkelschluss ist. Um zu einem Verständnis der angenommenen Entwicklung zu gelangen, muss vielmehr gezeigt werden, anhand welcher Zwischenschritte die (immer noch beobachteten) Diskontinuitäten überwunden wurden und welche Selektionsdrücke diese vielen kleinen »Verbesserungen« verursacht haben. Allzu oft bleiben uns Evolutionstheoretiker eine Erklärung darüber schuldig.

B.2.3.3. Alternative Deutung des Luft-/Speiseröhren-Systems

Der Beweis für eine naturwissenschaftliche Theorie ist um umso überzeugender, je spezifischer er für die Richtigkeit ausschließlich dieser speziellen Theorie spricht. Umgekehrt verliert ein Beweis seine Kraft, wenn er ebenso im Sinne einer konträren Theorie oder, schlimmer noch, eines diametralen Paradigmas (wie wir es bei der Evolutions- und bei der ID-Theorie sicher vorfinden) gedeutet werden kann. Etliche sogenannte Beweise für die Evolutionstheorie sind in diesem Sinne beliebig. Dies trifft zum Beispiel auf die Behauptungen zu, Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Organismen oder Organen seien ein Beweis für deren Abstammung. Solche Ähnlichkeiten fügen sich ebenso gut nahtlos in eine schöpfungswissenschaftliche Betrachtung ein, weil nicht einzusehen ist, warum ein intelligenter Designer für eine bestimmte Aufgabenstellung wie das Schwimmen oder das Fliegen jedes Mal eine neue Erfindung machen soll, wenn sich doch eine oder einige wenige als die zweckmäßigsten erweisen.

Auch bei der Abqualifizierung des Luft-/Speiseröhren-Systems als »ziemlich dumm und unintelligent« stoßen wir auf diese Beliebigkeit. Vergleichen wir hierzu die Beurteilung von Markus Rammerstorfer in seinem Aufsatz Evolution der Insektenflugsysteme: Von Darwin zu Design [13]. Hier widmet sich Rammerstorfer ebenfalls der Frage, ob die Überkreuzung der Luft- und Speiseröhre ein Designfehler ist:

Ein gutes Beispiel ist die Überkreuzung Luft/Speiseröhre: Diese bietet die Gefahr des Verschluckens, was u.U. gefährlich sein kann, weshalb einige Evolutionisten getrennte Röhren vorgeschlagen haben (und andere Menschen bewusstes Essen). ... Dieselben Konstrukteure, die nicht lange mit einer zweiten Röhre fackeln, wären dann auch gezwungen, mehr und/oder größere Atmungsöffnungen einzuführen - ansonsten sind größere körperliche Anstrengungen ohne Mundatmung nicht möglich. Dann sollte man aber auch berücksichtigen, wie sich diese Änderungen auf die Luftaufwärmung in kälteren Klimaten auswirken, oder auf den Sprachapparat. Während es die Konstruktion mit Überkreuzung ermöglicht, den in der Luftröhre hinaufbeförderten Schleim in die Speiseröhre abzuleiten, würde er in der von Evolutionstheoretikern vorgeschlagenen Konstruktion permanent aus der (den?) Nase(n) träufeln - elegantes Design? (Falls er überhaupt den ganzen Weg bis in die Nase kommt und nicht in die Lunge gelangt...) Bei solchen Nachteilen lässt sich der erhöhte Energie- und Materialaufwand für eine zweite Röhre noch viel weniger rechtfertigen. Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die überkreuzte Konstruktion unter den gegebenen Umständen die bessere ist - sie ist zwar ein Kompromiss, aber nicht fehlerhaft. Zusätzlich müsste auch noch die ontogenetische Entwicklung dieser Struktur miteinbezogen werden - eine Endstruktur, oder Teile davon, können u.U. nur in Zusammenhang mit ihrer Konstruktionsphase verstanden werden - ebenfalls kein neuer Gedanke für Designer, wie z.B. jeder Ingenieur oder auch Handwerker bestätigen kann.

Rammerstorfer zeigt sehr anschaulich, dass unter Einbeziehung physiologischer Fakten und (un)möglicher Alternativen die Beurteilung des Luft-/Speiseröhren-Systems auch sehr positiv ausfallen kann.

B.2.4. Designfehler oder »Schweizer Messer«?

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass auch im Falle des Luft-/Speiseröhren-Systems das Unvollkommenheitsargument nicht sticht. Abgesehen von der theologischen Natur des Arguments, die sich einer objektiven naturwissenschaftlichen Bewertung entzieht, ignoriert es einige grundlegende anatomische und physiologische Fakten. In ihrem Zusammenspiel sind die Luft- und die Speiseröhre polyfunktionale Strukturen, vergleichbar mit einem »Schweizer Messer«. Solche Multifunktionstools haben sogar schon Leben gerettet. Das sogenannte Offiziersmesser SwissChamp von Victorinox verfügt über 33 Einzelwerkzeuge. Gewiss, kann kaum eines mit seinem spezialisierten Gegenstück an Effizienz konkurrieren. Aber wenn man nach einem Flugzeugabsturz in der Wildnis einen ganzen Werkzeugkasten durch den Dschungel oder die Wüste schleppen müsste, würde man vermutlich schon nach kurzer Zeit vor Erschöpfung zu Grunde gehen. Der Überlebensvorteil besteht in der handlichen (energiesparenden) Kombination der Werkzeuge. Der Kompromiss, den man für die Leichtigkeit hinnimmt, ist letzlich kein Nachteil, sondern lebensbewahrend. Ebenso dürfte es sich mit dem Luft-/Speiseröhren-System und all den anderen Strukturen verhalten, die von einigen Evolutionsverfechtern aus einer isolierten Betrachtung heraus als »stümperhafte Kesselflickerei« angesehen werden, wobei die Kritiker meist den Vorschlag einer besseren Konstruktion schuldig bleiben.

C. Resümee

Zusammenfassend kann das »Argument der Unvollkommenheit« als ein Scheinargument bezeichnet werden, das sich bei genauerer Betrachtung aus folgenden Gründen als ungeeignet erweist, Evolution zu beweisen bzw. das Konzept des Intelligent Design zu widerlegen:

  • Es basiert nicht auf empirisch überprüfbaren naturwissenschaftlichen Fakten, sondern auf philosophisch-theologischen Mutmaßungen, die zudem auf einem Verständnis von »Unvollkommenheit« beruhen, das sich im Widerspruch zur Bibel befinden.
  • Es unterstellt die Unveränderbarkeit von biologischen Schöpfungen, wohingegen ID-Vertreter (und sogar Kreationisten) Mikroevolution innerhalb von Grundtypen als Faktor für Degenerationsprozesse erklären.
  • Es beruht auf einem Entweder-oder-Denken, was aus wissenschaftstheoretischer Sicht unkorrekt ist: Theorien müssen sich auf Grundlage empirischer Daten und nachvollziehbarer Beweise (Experimente) erhärten lassen und nicht durch Fehler eines konträren Paradigmas.
  • Es stützt sich lediglich auf angenommene »Unvollkommenheiten«, die aber kaum nachweisbar sind. Das Argument erscheint nur im evolutionstheoretischen Rahmen plausibel und bleibt »weich«, weil es mit Wissenslücken operiert: Neuere Forschungsergebnisse haben zahlreiche Beispiele für »Unvollkommenheiten« entkräftet.
  • Des Weiteren ist eine ausschließlich isolierte Betrachtung einzelner Organe zur Einschätzung möglicher Unvollkommenheiten fehlerträchtig, da diese häufig polyfunktional sind (vergl. Info-Box). Eine objektive Beurteilung der Effizienz muss die Gesamtbilanz der Verbundstruktur berücksichtigen.


Quellen:

  1. Das Argument der Unvollkommenheit; Reinhard Junker, genesisnet.info, Stand 29.03.2004; im Web unter http://www.genesisnet.info/pdfs/Designfehler-Das_Argument_der_Unvollkommenheit.pdf
  2. Der Daumen des Panda; Stephen J. Gould, Frankfurt 1989
  3. Turgeszenz, Hydraulik, Information und das Maschinenkonzept in der Biologie, Kull U., In: Technomorphe Organismuskonzepte; Maier W & Zoglauer T (Hrsg.), Bad-Cannstatt 1994, pp. 199-211
  4. Gott pfuscht auch; Steve Jones, Die Zeit vom 11.8.2005 (Nr. 33), Hamburg 2005; auch im Web verfügbar unter http://www.zeit.de/2005/33/Kreationismus
  5. Auge widerlegt Zufalls-Evolution; Wolf-Ekkehard Lönnig, Naturwissenschaftlicher Verlag, Köln 1989 (2. überarbeitete Auflage); auch im Web verfügbar unter http://www.weloennig.de/AuIn.html
  6. Stanford physicists and eye doctors to design a "Bionic Eye"; RxPG News vom 31.5.2005; im Web unter http://www.rxpgnews.com/research/ophthalmology/article_876.shtml
  7. Das Wirbeltierauge - Ein Konstruktionsfehler ohne funktionellen Sinn; Klaus Neuhaus und Henrik Ullrich, Studium Integrale journal von April 2000 (7. Jahrgang, Heft 1), pp. 3 - 11; auch im Web verfügbar unter http://www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=sij71-1
  8. Selected Excerpts: The Inverted Retina: Maladaptation or Pre-adaptation?; Michael J. Denton (Biochemistry Department, University of Otago, Dunedin, New Zealand), Stand 1.6.1999; im Web unter http://www.arn.org/docs/odesign/od192/invertedretina192.htm
  9. On the Design of the Vertebrate Retina; George Ayoub (Department of Biology, Westmont College, Santa Barbara, CA 93108-1099), Stand 22.6.1996; im Web unter http://www.arn.org/docs/odesign/od171/retina171.htm
  10. On the evolution of photoreceptors and eyes. In: Evolutionary Biology (1977); L. v. Salvini-Plawen und E. Mayr; Eds. M.K. Hecht, W.C. Steere und B. Wallace, Vol 10,. New York und London, pp. 207 - 263
  11. Sinne, Nerven, Hormone (CVK-Biologiekolleg. Sekundarstufe II.); Wolfgang Goll und Wolfgang Schwoerbel, Cornelsen, Berlin 1994
  12. HNO Lehrbuch der Dualen Reihe; A. Berghaus (mit einem Beitrag von G. Böhme), Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde der Ludwig-Maximilians-Universität München 2005, Abschnitt »F. Ösophagus«, im Web unter http://hno.klinikum.uni-muenchen.de/hno/lehrbuch.html
  13. Evolution der Insektenflugsysteme: Von Darwin zu Design; Markus Rammerstorfer, Stand 20.4.2004; im Web unter http://rammerstorfer-markus.batcave.net/IflightIdesignPDF1.pdf
  14. The inverted Retina: Maladaptation or Pre-adaptation? Origins & Design; M. J. Denton, 1999, 4 pp. 14-17



Letzte Änderung: 1.1.2014
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