Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können,
muss man vor allem ein Schaf sein.

Albert Einstein

Die Galerie der Lügen

Alles anderes als ein Schnellschuss — das Ringen um einen passenden Titel

Mein dritter »Erwachsenenroman« trug lange den Arbeitstitel Die Galerie der Lügen Oder: Der unachtsame Schläfer, was eine gewisse Unentschlossenheit des Autors erkennen lässt. »Der unachtsame Schläfer« ist die Übersetzung des französischen Le Dormeur téméraire. So nannte der belgische Maler René Magritte ein surrealistisches Gemälde, dessen verwirrende Symbolik sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch zieht. Der Name des Bildes hat auf dem sogenannten »Schmutztitel« - der ersten Seite des gebundenen Buchblocks - überlebt, aber im Kampf um den Schutzumschlag obsiegte letztlich der vielleicht poetischere, eingängigere und zugleich geheimnisvollere Titel »Die Galerie der Lügen«. Auf welche Weise können Lügen in eine Galerie eingereiht werden? Wie hat man sich eine solche Sammlung vorzustellen? Welche Wahrheit soll hier verschleiert oder durch die Exponierung der Irreführungen aufgedeckt werden? Der Name des Werkes klingt wie ein Rätsel und darum handelt es sich letztlich auch. Seine Bedeutung ist, so viel darf verraten werden, vielschichtig.

Die Galerie der Lügen wirft ein Schlaglicht auf das Verhalten der Gesellschaft beim Zusammenprall mit Personen und Meinungen, die nicht in das »vorgestanzte« Erwartungsschema passen. Dies trifft gewiss auf Hermaphroditen zu, Menschen also, deren Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig den beiden Extrempolen »männlich« und »weiblich« zuzuordnen sind. Viele reagieren verstört, wenn sie zum ersten Mal solch einer Person begegnen. Ablehnende oder sogar feindliche Reaktionen sind auch jenen vertraut, deren Meinungen vom statistischen Durchschnitt und somit vom Gewohnten abweichen. Um diese Tatsache zu belegen, konfrontiert der Roman den Leser mit Zeitgenossen, die das Intelligent Design für die bessere Erklärung zur Entstehung von Leben ansehen als Charles Darwins Evolutionstheorie. Weil sich derlei Geisteskinder mit zahlreichen Vorurteilen konfrontiert sehen - etwa der pauschalisierten Ansicht, es handele dabei ausschließlich um fundamentalistische Kreationisten - und ihre Argumente in der breiten Öffentlichkeit kaum sachlich diskutiert werden, versucht der Roman eine Annäherung an das Thema aus einer ungewohnten Perspektive. Der Leser begleitet einen Menschen, der am eigenen Leibe erfährt, was es bedeutet, ein Außenseiter zu sein. Weil ein Roman derart komplexe Themen nur anreißen kann, werden auf mehreren Seiten dieser Website tiefergehende Informationen angeboten (für einen Überblick der Handlung klicken Sie bitte hier). Diese sind als Denkanstöße zu begreifen, nicht als umfassender Diskurs über die gegensätzlichen Modelle.

Wie diese Vorbemerkungen erkennen lassen, ist die Faktenbasis des Romans Die Galerie der Lügen also nicht wie in vielen meiner anderen Büchern die Geschichte, sondern vielmehr die Sexual- und die Naturwissenschaft. So mühsam das Ringen um den passenden Titel auch gewesen sein mag, so eruptiv gestaltete sich der eigentliche Akt des Schreibens, nachdem ich damit Ende 2004 erst einmal begonnen hatte. Das Manuskript entstand innerhalb weniger Wochen. Trotzdem ist der Roman alles andere als ein Schnellschuss. Seine Entstehung war vielmehr ein Entwicklungsprozess, der sich von 1995 bis 2005, also über zehn Jahre hinweg erstreckte und weiter unten im Abschnitt »Die Gedanken sind (un)frei?« im Telegrammstil beschrieben wird. Weiterführende Informationen enthält das Nachwort des Buches, das wiederum einen Extrakt meines großen Online-Essays Die Galerie der Lügen Oder: Wie Erwartungen die Welt verändern darstellt (zur Anzeige der PDF-Datei klicken Sie hier oder auf den Titel). Doch ehe wir darauf zurückkommen, wollen wir zunächst in das Werk hineinschnuppern.
 

Die Galerie der Lügen
Die Galerie der Lügen
(Ehrenwirth-Erstausgabe von 2005)

Die Galerie der Lügen
Die Galerie der Lügen
(Bastei Luebbe-Taschenbuchgabe von 2007)

 

 Info 

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Nicht nur für Erwachsene, sondern auch von Lehrern zur Klassenlektüre empfohlen:

Die Website lehrerbibliothek.de schrieb im Januar 2009 über den Roman:

»In diesem Buch von Ralf Isau geht es um Spannung und Action. Die Grenze zwischen Realität und Fiction wird undurchsichtig. Fragen werden aufgeworfen: Fragen über das Leben und den Menschen, über Ethik und darüber, ob es irgendwo den Einen gibt, der all das Leben auf Erden erschaffen hat. Schüler erhalten durch die verschiedenen im Buch vorgestellten Weltansichten viele Gedankenanregungen und viel Diskussionsstoff. Nicht nur die Geschichte des Thrillers ist spannend – nein, auch die Auseinandersetzung mit den ethischen Fragestellungen fordert heraus. Wurde die Erde von einem Schöpfergott erschaffen – oder glauben wir lieber der Evolutionstheorie und der Lehre Darwins? Ab der 10ten Klasse ein absolut zu empfehlendes Werk zur Klassenlektüre!«

Von Katharina Neubürger und Christa D. Schäfer.
Zum Lesen der vollständigen Rezension klicken Sie bitte hier.

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Inhalt

Im Pariser Louvre wird die antike Statue eines schlafenden Hermaphroditen durch eine Bombe zerstört. Bei dem Anschlag kommt nicht nur einer der Täter, sondern auch ein Wachmann ums Leben. Eine Woche später verschwindet aus einem Londoner Museum ein berühmtes Gemälde von René Magritte. Im Siebentagerhythmus werden weitere unersetzliche Kunstwerke gestohlen.

Alex Daniels, eine kritische Wissenschaftsjournalistin, hat in einem Artikel Experimente, die als Beweis für die Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie publiziert worden waren, als Schwindel entlarvt. Gerade hat sie dafür in einer Feierstunde in Oxford einen Preis entgegengenommen. Aber vor dem Gebäude erwartet sie bereits die Polizei: Alex soll an dem Anschlag im Louvre beteiligt gewesen sein. Ihre Fingerabdrücke wurden am Tatort gefunden.

Trotz angeblich hieb- und stichfester Indizien beteuert sie ihre Unschuld. Das geschädigte Londoner Versicherungshaus ArtCare schickt Darwin M. Shaw, ihren besten Mann, zu ihr ins Gefängnis. Wegen ihrer beißenden Wissenschaftskritik ist ihm die Journalistin nicht unbekannt. Alex wiederholt gegenüber Shaw ihre Unschuldsbeteuerungen. Aber sie scheint etwas zu wissen, das weder der Versicherungsdetektiv, noch die Ermittlungsbehörden bisher erkannt haben. Das erste gestohlene Gemälde Le Dormeur téméraire - »Der unachtsame Schläfer« - des belgischen Malers René Magritte sei eine Art Codebuch, erklärt sie. Wer die verwirrenden Symbole in dem surrealistischen Bild richtig zu deuten wisse, könne das Muster der Verbrechen erkennen: Jemand wolle sich mit einer Botschaft an die Öffentlichkeit wenden. Dieser Unbekannte, den Alex das Hirn nennt, warnt vor dem Glauben an die Entstehung des Lebens durch Evolution. Ist das Hirn der Kopf einer Gruppe fanatischer Kreationisten? Sind die Aktionen das Werk religiös motivierter Terroristen? Alex ist davon überzeugt.

Bald regen sich in Shaw Zweifel an ihrer Schuld. Doch er merkt auch, dass sie mehr mit jener mysteriösen Anschlagserie verbindet, als sie selber ahnt. Wer ist der geheimnisvolle Unbekannte, der ihr Briefe in die Untersuchungshaft schickt und ihr sogar zur Freilassung verhilft? Er scheint mehr über Alex Daniels zu wissen als sie selbst? Denn ihre Vergangenheit liegt im Dunklen. Wer sind ihre wahren Eltern? Sie hat es nie erfahren. Auch nicht, ob sie noch Brüder oder Schwestern hat - oder andere Geschwister.

Denn Alex ist mehr als eine Frau. In ihr vereinen sich Merkmale und Fähigkeiten vieler Geschöpfe. Andere sehen in Menschen wie sie den nächsten Schritt der Evolution. Sie selbst dagegen fühlt sich allzu oft als Monster ...

 

 

 Info 

Shadow OR Informationen zum Thema »Intelligent Design oder Evolution – Wer erklärt die Enstehung des Lebens besser?«

Intelligent Design oder Evolution?

Evolutionswissenschaftler gehen einem öffentlichen Disput mit ihren Kritikern, den Schöpfungswissenschaftlern, gewöhnlich aus dem Weg. Diese Verweigerungshaltung wird oft mit dem Argument rechtfertigt, Darwins Theorie sei zu komplex, um ihre Schwächen vor Laien auszubreiten. Aber ist das überzeugend? Die Ideen zum Ursprung und Aufbau des Universums sind wohl kaum weniger komplex. Dennoch sind Physiker wie Stephen Hawking gerne bereit, sie uns in populärwissenschaftlicher Form begreifbar zu machen. Bei manch einem weckt die »Rücksichtnahme« der Evolutionsanhänger daher Argwohn. Tritt hier etwa ein Verhaltensschema zu Tage, dem wir im Laufe der Geschichte schon oft begegnet sind? In der katholischen Kirche etwa versagte man den Laien jahrhundertelang das Lesen der Bibel in ihrer eignen Sprache, um vor ihnen die offensichtlichen Widersprüche zwischen dem Handeln des Klerus und der Heiligen Schrift zu verbergen. Viele mutige Querdenker verbrannten auf den Scheiterhaufen, ehe die Übermacht des klerikalen Gedankendiktats ins Wanken geriet. Könnte es sein, dass die Menschen in unserer modernen, oft als »aufgeklärt« gepriesenen Zeit abermals um die Wahrheit betrogen werden? Sind die Mehrheit der evolutionistischen Argumente wissenschaftlich oder eher eine ideologische, pseudowissenschaftliche Form der Propaganda? Ist die Evolution in Wirklichkeit eine Philosophie und damit genauso metaphysisch wie der Glaube an übernatürliche Geistwesen? Beruht die Kritik der Vertreter des Intelligent Design, die einen genialen Konstrukteur für die bessere Erklärung des Lebens halten, auf handfesten Fakten? Diese Fragen, die sich im Roman Die Galerie der Lügen spiegeln, umfassend zu beantworten, ist mir auf dieser Website zwar nicht möglich, aber ich möchte zumindest einige Denkanstöße liefern und dem interessierten Leser mit einigen Links eine Hilfe zum »Weiterforschen« an die Hand geben. Wessen Neugierde geweckt ist, der klicke bitte hier.

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Die Gedanken sind (un)frei? — Wie sich eine Idee Bahn bricht

Die Galerie der Lügen ist, wie die einleitenden Bemerkungen bereits gezeigt haben, fürwahr kein stromlinienförmiger Roman. Der ein oder andere mag sich durch ihn sogar provoziert fühlen. Ich wage sogar eine Prognose: Das Buch wird die Leserschaft in zwei Lager spalten, in erboste Gegner und begeisterte Befürworter. Nun gehöre ich nicht zu jenen, die ihre Mitmenschen aufschrecken, um sich wichtig zu tun. Wenn ich in meinem Werk einige Tabus anspreche, sie womöglich breche, dann aus gutem Grund. Im Nachwort des Buches (wie auch im o.g. Online-Essay) heißt es: »Sollten beim Versuch, dieses Werk in eine Schublade zu zwängen, Verstauungsprobleme entstehen, wäre mir das sehr recht. Denn ich sehe es vor allem als Buch gegen Schubladen.«

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Roman ist ein Phantagon, aber keine Fantasy, obgleich eine Menge Phantasie darin eingeflossen ist. Manches mag zwar phantastisch erscheinen, stammt aber aus dem Fundus wissenschaftlicher Erkenntnisse (wenn nicht der gegenwärtigen, dann so doch jener, die für die nähere Zukunft zu erwarten sind). Als ich den Entschluss fasste, zur Abwechslung einmal wissenschaftliche Themen aus dem Bereich der Evolutions- sowie der Sexualforschung in meine Handlung einzuweben, ahnte ich noch nicht, dass nahmhafte Kollegen in den Jahren 2004 und 2005 mit ihren Wissenschaftsthrillern in den Bestsellerlisten ganz nach oben klettern würden. Die »Fäden« der genannten Wissenschaftsgebiete bilden ein größeres Muster, das mich schon seit meinen Jugendtagen beschäftigt.

Es mag eine menschliche Schwäche sein, sich in den Mittelpunkt des Universums zu rücken. Was wir aus unserer subjektiven Warte aus sehen können, wird nicht unbedingt als willkommen begrüßt, zumindest aber als real eingestuft. Dinge außerhalb unseres Gesichtsfeldes betrachten wir eher mit Skepsis, manchmal mit Furcht, allzu oft sogar mit Feindseligkeit - oder wir leugnen sie. Mark Twain meinte: »Wir lieben die Menschen, die frisch heraus sagen, was sie denken - falls sie das gleiche denken wie wir.« Und wie stehen wir zu den anderen? Immer wieder schüttelt es mich, wenn ich in einem Restaurant oder sonstwo höre, mit welcher Arroganz und Verachtung nebenan über gesellschaftliche Gruppen oder Meinungen gesprochen wird, die nicht in das eigene Weltbild passen. Wohlgemerkt, mich stören nicht die kontroversen Ansichten, auch nicht das Eifern für eine Idee, sondern nur die Selbstverständlichkeit, mit der man dem Anderen den Respekt oder gar die Menschenwürde versagt. Ich befürchte, in jedem von uns steckt ein kleiner Hetzer und Ignorant - die Frage ist nur, wieviel Raum wir diesem eingebildeten Holzkopf geben.

Das Andersartige auszugrenzen, ist eine Form geistiger Monokultur. Und Monokultur ist nur ein anderes Wort für Verarmung. Eigentlich will niemand arm dran sein, aber man wird leicht blind für die Verelendung im Denken, weil Monokultur oft mit Maximierung assoziiert wird; im persönlichen Bereich vor allem mit Genussmaximierung. Oft sind es ja die guten oder zumindest harmlosen Dinge im Leben, die wir auf die Spitze treiben und damit ins Schädliche verkehren. So verkommt das legitime Harmoniebedürfnis des sozialen Wesens Homo sapiens allzu leicht zur Gleichmacherei. Und was in die Monokultur des Denkens nicht hineinpasst, wird als Schädling eingestuft und ausgemerzt.

Wie ich im Online-Essay Die Galerie der Lügen Oder: Wie Erwartungen die Welt verändern ausführlich schildere, kam mir schon im Jahr 1995 die Idee, ein Buch zu schreiben, das diese Mechanismen unseres Denkens, Beurteilens und Handelns bewusst macht. Die Gedanken sind frei, heißt es im gleichnamigen deutschen Volkslied - aber sind sie das wirklich? Sind wir nicht alle Gefangene unserer Erziehung, Umwelt und persönlichen Erfahrungen? Oder gibt es eine Möglichkeit, die Gedankenfalle aufzubrechen und das Vögelchen unseres Bewusstseins (ohne Drogen oder transzendente Methoden) in die Weite neuer Erfahrungen entfliegen zu lassen?

Es dauerte lange, bis ich eine passene Bühnenausstattung für den philosophischen Unterbau meines literarischen Projektes fand. Ich brauchte zunächst einen packenden Plot. Der Roman sollte ja in erster Linie gut unterhalten. Um die Seele des Lesers in der Hängematte der vorstehend beschriebenen, eher abstrakten Thematik baumeln zu lassen, waren zudem konkrete Haltepunkte gefragt. Auf welchen Gebieten ist unser Denken so stark geprägt, dass wir abweichende Konzepte argwöhnisch oder sogar feindselig betrachten?

Ist die Evolution eine Tatsache? So wird es ja tausendfach behauptet. Es gibt sogar ein Buch mit entsprechendem Titel. Wenn man einmal bewusst darauf achtet, fällt auf, wie oft dieses Dogma - mit wechselnder Wortwahl - in den Medien wiederholt wird, wie selten aber ernsthafte Beweisführungen zu erkennen sind. Auf anderen Gebieten gesellschaftlichen Lebens werden derartige Formen der Indoktrinierung gemeinhin mit Begriffen wie »Propaganda« und »Gehirnwäsche« umschrieben. Mir ist bislang kein Werk mit dem Namen »Die Gravitation ist eine Tatsache« bekannt, obwohl Evolutionsverfechter doch behaupten, wer heute ihre Theorie anzweifle, werde morgen auch die Anziehungskraft leugnen. Das ist natürlich Humbug. Die Wirkung der Gravitation (beziehungsweise nach Einstein die der Krümmung des Raumes) kann anhand zahlreicher Experimente nachgewiesen werden, aber es gibt bis heute kein einziges Experiment, das glaubhaft die zufällige Entstehung neuer biologischer Baupläne oder »Apparaturen« erklären kann? Hat also allein der Zufall im Zusammenspiel mit den physikalischen Naturgesetzen das vielfältige Leben auf unserem Planeten (und vielleicht auf vielen weiteren) hervorgebracht? Oder handelt es sich bei dieser Behauptung gar um die größte Lüge der Wissenschaftsgeschichte?

Bei genauerer Betrachtung enpuppt sich die moderne Variante von Darwins Theorie und der daraus entstandene Neodarwinismus als Speerspitze des Naturalismus. Nach dem Brockhaus in Text und Bild 2004 bezeichnet man in der Philosophie mit diesem Begriff »eine monistische Denkhaltung, die in der Natur den Seinsgrund aller Realität auch der geistigen Phänomene erblickt (ontologischer Naturalismus), aus ihr alles erklären zu können behauptet (erkenntnistheoretischer Naturalismus) und die Geltung sittlicher Normen in ihr begründet sieht (ethischer Naturalismus)«. Unter Monismus versteht man eine »philosophisch-religiöse Lehre von der Existenz nur eines einheitlichen Grundprinzips des Seins« (Quelle: Duden - Das Fremdwörterbuch). In ihrer Argumentation und in der Art und Weise, wie sie von ihren Vertretern verbreitet wird, ist Evolutionstheorie somit die Ausdrucksform einer Philosophie, die den Alleinerklärungsanspruch (»monistische Denkhaltung«) für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erhebt. Im neunzehnten Jahrhundert als Befreiungsschlag gegen den religiösen Dogmatismus zur vollen Blüte gereift, ist sie somit nur eine neue, vielleicht noch viel rigorosere Spielart eines auf absolute Geltung pochenden Thesengebäudes. Kritiker des Naturalismus im Allgemeinen und der Evolutionstheorie im Besonderen haben nichts zu lachen. Sie werden stigmatisiert, indem man sie pauschal als »Kreationisten« abstempelt, oder als religiöse Fanatiker darstellt, die glauben, alles Leben auf der Erde sei in sechs 24-Stunden-Tagen entstanden und sei nicht älter 10.000 Jahre.

Wer sich die Mühe macht, im Hintergrundthema sowie in den weiterführenden Informationen zum Roman ein wenig herumzustöbern wird diese Argumentation als - vermeiden wir das Wort Lüge - rhetorischen Trick entlarven. Es gibt viele Wissenschaftler, die nicht einmal religiös sind und mit dem Konzept des »Intelligent Design« (ID) eine diskussionswürdige Alternative zu Darwins Evolutionstheorie vorlegen. Aufseiten der Darwinisten kontert man zumeist nicht etwa mit schlagkräftigen Beweisen zur »Tatsache Evolution«, sondern mit persönlichen Angriffen, Sperrung von ID-Webseiten, bis hin zu Berufsverbot. Das ID-Modell wird als pseudowissenschaftliche Tarnkappe des Kreationismus diffamiert, obwohl sie das nicht ist. Mich hat der Mangel an Sachlichkeit und die überbordende Feindseligkeit erschreckt, mit denen - manchmal auf beiden Seiten - gegen die Gesinnungsfeinde vorgegangen wird. Grund genug, hier den ersten Haken zu finden, an dem ich die »Hängematte« meines Romans festmachen konnte.

Weil man nur eine x-beliebige naturwissenschaftliche Sendung im Fernsehen anzuschalten oder ein entsprechendes Sachbuch aufzuschlagen braucht, um die evolutionistische Argumentationsweise auf sich wirken zu lassen, habe ich im Roman Die Galerie der Lügen einmal die wissenschaftlichen, gelegentlich auch die philosophischen Argumente »der anderen Seite« zu Wort kommen lassen und zwar auf eine auch für den Laien verständliche Weise. So kann sich jeder selbst ein Urteil darüber erlauben, ob Menschen, die an einen genialen Konstrukteur des Lebens glauben, rundweg als weltfremde Wissenschaftsfeinde einzustufen sind, deren Gedankengut tunlichst von der Gesellschaft fernzuhalten ist - am besten gleich dadurch, dass man die Denker jener Gedanken von der Gesellschaft fernhält.

Der zweite Haltepunkt für meine literarische »Hängematte« ist die Sexualität, genauer gesagt, die landläufige Vorstellung von den sogenannten »normalen Geschlechtern«. Im Roman Die Galerie der Lügen ist einer der Protagonisten ein Hermaphrodit (der Name der Person soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden). Auch zu diesem Begriff eine Definition des Brockhaus: »Hermaphrodit; (Zwitter), Mensch, bei dem männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale zugleich vorkommen, wobei im Allgemeinen auch das Gesamtverhalten durch mehr oder weniger starke Verwischung der Geschlechtsunterschiede betroffen sein kann.« Viele Hermaphroditen bezeichnen sich heute als Intersexuelle, also Menschen, die irgendwo zwischen den beiden Extrempunkten der Geschlechter »männlich« und »weiblich« angesiedelt sind. Die kühle Begriffserklärung des Lexikons lässt in keiner Weise erahnen, welche Schicksale intersexuelle Personen in einer Gesellschaft erleiden müssen, die eigentlich nur zwei Zustandsformen des Menschseins zulässt. Was darüber hinaus geht, wurde bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein in Kuriositätenkabinetten auf Jahrmärkten ausgestellt. Spontan mag man einwenden, der Hermaphroditismus sei doch ein dermaßen seltenes Phänomen, dass er so viel Aufhebens gar nicht verdient. Zu diesem Trugschluss möchte ich noch einmal aus dem o.g. Online-Essay zur Entstehung des Romans zitieren.

»Auch für mich war es eine Überraschung mit den Zahlen konfrontiert zu werden: In den Vereinigten Staaten von Amerika hat Anne Fausto-Sterling eine Untersuchung durchgeführt, nach der 1,7% der Bevölkerung betroffen sind (Anfang 2005 entspräche dies etwa fünf Millionen US-amerikanische Bürger). Mit einer etwas restriktiveren Erhebungsmethode kommt man in Deutschland immerhin auf etwa 80 000 bis 100 000 Menschen, die keinem der beiden Geschlechter eindeutig zuzuordnen sind. Grob gerechnet finden wir unter 1 000 Menschen also einen, der intersexuell ist. Obwohl somit jeder von uns schon solchen Zeitgenossen begegnet sein dürfte, vermutlich sogar den ein oder anderen in seinem Bekanntenkreis hat, sieht und hört man von ihnen wenig. Wieso?

www.xy-frauen.de) und besonders auch durch das hervorragende Sachbuch Leben zwischen den Geschlechtern von Ulla Fröhling.Weil diese Personen nicht in unser Erwartungsschema passen. Wir denken, reden und sehen in männlichen und weiblichen Kategorien. Das wurde mir schmerzlich bewusst, als ich die Unmöglichkeit erkannte, von meiner Protagonistin als Neutrum zu schreiben. Unsere Sprache fordert bei Personen die geschlechtsspezifische Festlegung. Und weil wir nun einmal in dieser Sprache denken, tun wir uns mit Hermaphroditen so schwer. (In Wirklichkeit ist das Problem noch um einiges komplexer.) Erhellende, aber auch verstörende Einblicke erhielt ich im Laufe meiner Recherchen durch die Websites der Betroffen wie der deutschen XY-Frauen (

Etwa einhundert Jahre lang bestimmten Mediziner und in ihrem Schlepptau die Juristen wie ein Mensch zu sein hatte. Mir ist kein Land bekannt, in dem sich nicht jeder Bürger einem der beiden Geschlechter zurechnen lassen muss - wenngleich es mittlerweile vielerorts die Möglichkeit eines »Seitenwechsels« gibt. Das weithin auf X- und Y-Chromosomen beschränkte Denken und das damit einhergehende Totschweigen der »Anomalie« bringt die Intersexuellen in unvorstellbare psychische Konflikte. Die im Roman geschilderten Missbrauchserfahrungen [...] stammen zum großen Teil aus Lebensberichten intersexueller Menschen. Sie verdeutlichen, wie die Gesellschaft - wie wir - mit Menschen umgehen, die nicht in unser Erwartungsschema passen. Wir versuchen sie zurechtzustutzen.

Wie man sieht, bewirken unsere Erwartungen nicht nur eine gefilterte Wahrnehmung der Welt, sondern sie verändert diese sogar. Intersexuelle wollen kein Fall fürs Kuriositätenkabinett sein, deshalb haben sie sich lange weggeduckt [...]

An dieser Stelle mag man anfangen zu begreifen, wie der zweite große Themenkomplex des Romans, die Frage Evolution oder Intelligent Design, sich mit dem ersten verbindet gleich den verschiedenfarbigen Fäden in einer geflochtenen Schnur. Wir begegnen dem Leugnen des Unbequemen, des sich nicht in die normierten Schubladen des Denkens Einsortierbaren, des uns gar absurd Erscheinenden ebenso, wenn jemand allen Ernstes versucht, mit wissenschaftlichen Methoden Beweise für einen intelligenten Konstrukteur des Lebens zu finden und - da beginnt das eigentliche Problem - sich mit seiner Ansicht in Konkurrenz zum gesellschaftlichen Konsens begibt.«

Nicht über den eigenen Tellerrand hinausblicken zu wollen, mag zwar unserer menschlichen Neigung entsprechen, aber im Grunde ist es ein absurdes Verhalten. Ein Indio im brasilianischen Regenwald mag die Welt mit ganz anderen Augen sehen als ein Biologe aus Berlin, aber es spricht eher von Borniertheit, die eigene Sichtweise für die richtige und allein selig machende zu halten und die des anderen als hoffnungslos zurückgeblieben, animistisch, weltfremd, verzichtbar. Nicht nur die profitorientierte Pharmaindustrie hat inzwischen das Potenzial erkannt, das in der Verwachsenheit solcher angeblich »primitiven« Völker mit der Natur steckt. Von ihnen zu lernen, kann unser Leben bereichern.

Der britische Historiker, Kulturtheoretiker und Geschichtsphilosoph Arnold Joseph Toynbee schrieb in seinem Werk Wie stehen wir zur Religion?: »In diesem geheimnisvollen Universum gibt es etwas, wovon der Mensch überzeugt sein kann: er selbst ist gewiss nicht die größte geistige Wesenheit in diesem. … Eine Wesenheit ist gegenwärtig im Universum, die geistig größer ist als der Mensch selbst. … Das Ziel des Menschen ist es, die Verbindung mit dem Wesen, das hinter den Erscheinungen steht, zu suchen, zu dem Zweck, sein Ich mit dieser absoluten geistigen Wirklichkeit in Einklang zu bringen«

Es sollte nicht den Preis der Menschenwürde kosten, die Meinung Toynbees zu teilen oder sie abzulehnen. Ich verstehe Die Galerie der Lügen als einen Beitrag für die Durchsetzung dieser Freiheit.

 

 Info 

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Umschlaggestaltung:
Die Quadratur des Kreises

Die Galerie der Lügen
Die Galerie der Lügen:
Ursprünglicher Entwurf eines Schutzumschlages mit unversehrter Schlange

Der Schutzumschlag ist der Schlüssel zum Roman. Wenn er auf dem Büchertisch nicht zum Betrachter »spricht«, dann wird dieser das Buch nicht in die Hand nehmen. Gleichzeitig soll der Umschlag aber auch einen Bezug zu dem haben, was sich zwischen den Deckeln verbirgt. Dabei darf er nicht irreführen, weil sich sonst die Leser, deren Vorlieben zur Geschichte passen, nicht zu »ihrem« Buch finden. All diese Kriterien zu berücksichtigen ist nicht immer einfach, ja, es ist fast so schwer wie die Quadratur des Kreises. Daher - und weil das Ergebnis eher abschreckend wäre - gestalte ich meine Cover nicht selbst. Es kommt jedoch hin und wieder vor, dass ich einen Vorschlag unterbreite, wie dies etwa bei Pala und die seltsame Verflüchtigung der Worte der Fall war (Beispiel siehe dort). Manchmal gibt es von meiner Seite auch Einwände gegen einen Entwurf wie etwa beim Roman Der Silberne Sinn. Als ein japanischer Verlag einen Band vom Kreis der Dämmerung mit drei Hakenkreuzfahnen »schmücken« wollte, gingen bei mir sämtliche Alarmglocken an. Den Nazi-Symbolen wurde der Gar ausgemacht. Die Galerie der Lügen in ein passendes »Gewand« zu kleiden war auch nicht ganz einfach.

Die Galerie der Lügen
Unvollendeter Alternativvorschlag mit Motiven aus der »Galerie der Lügen«
von Ralf Isau
(zur Vergrößerung anklicken, 69 KB)

Die beiden Schlangen auf dem Schutzumschlag der Erstausgabe des Romans Die Galerie der Lügen sollen eine Bedrohung symbolisieren. In ihrer unterschiedlichen Farbgestaltung drückt sich die Ambivalenz zwischen den beiden miteinander konkurrierenden Polen - männlich und weiblich bzw. Evolution und Schöpfung - aus.Weil die Schlange im Altertum für zweigeschlechtlich gehalten wurde, verkörpert sie treffend das Thema der Intersexualität. Damit ist aber auch das Attribut aller aus sich selbst heraus schaffenden Götter und steht für die schöpferische Kraft der Erde, was gut zum zweigen großen Themenkomplex des Romans passt: der Entstehung des Lebens. Sie hat jedoch viele weitere Bedeutungen und wird in der Kunst oft als Attribut mystischer Akteure benutzt. (Wenn Sie sich für weitere »Kultur- und symbolgeschichtliche Materialien zur Symbolik der Schlange« interessieren, dann klicken Sie hier.) In der Christenheit werden Drache und Schlange mitunter als Äquivalente, also austauschbare Symbole, benutzt: Wie die babylonische Tiamat, ist der Satan des Christentums »der große Drache, die alte Schlange, die da heißt der Teufel« (Offenbarung 12:9). Die böse Schlange ist Satan, der Drache der Apokalypse. Derlei Gedankenverbindungen würden weder dem Buch noch dem Gesamtwerk von Ralf Isau gerecht. Daher regte ich an, das Symbol zu zerbrechen. Damit ist den Befindlichkeiten jener Genüge getan, die in den Schlangen ein diabolisches Symbol sehen - der Urschlange wird bildlich das Rückgrat gebrochen - und zugleich tritt in dem oben gezeigten entgültigen Entwurf viel deutlicher zu Tage, was das verbindene Element der im Roman behandelten Themen ist: das Brechen mit überkommenen Denkvorstellungen.

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Letzte Änderung: 1.1.2014
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