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Wo Licht ist, da ist auch Schatten.
Sprichwort nach Goethe

Der Schattendieb

Wann haben Sie zuletzt Ihrem Schatten gedankt?

Nachtfalken, Sonnenfinsternisse und Schatten. Was verbindet man mit diesen Begriffen? Geheimnisvolles? Schrecknisse gar? Um Geheimnisse und und eine drohende Katastrophe geht es tatsächlich in meinem 28. Buch, dem Roman Der Schattendieb. Das Werk ist, verglichen mit anderen, die oft über viele Jahre gereift sind, in vergleichsweise kurzer Zeit entstanden. 2007 wurden die ersten Ideen skizziert. Die Geschichte lebt vom Licht, genauer gesagt von der Frage, was dort passiert, wo dieses fehlt. In der Natur wird uns dies wohl selten so bewusst wie zur Zeit einer totalen Sonnenfinsternis. Schon die ersten Worte des Romans gehen darauf ein:

Seit alters rufen Sonnen- und Mondfinsternisse bei ihren Beobachtern heftige Gefühle hervor. Die einen vergehen fast vor ehrfürchtigem Staunen und andere werden von blanker Angst geschüttelt. Bis in unsere Tage werden derlei Himmelsphänomene als Zeichen drohenden Unheils gesehen, als gebe es eine Urangst im Menschen, die sich regt, sobald es während einer Sonnenfinsternis plötzlich kühler wird und alle Vögel wie auf einen geheimen Befehl hin verstummen. Nicht ohne Grund schlägt unser Herz in solchen Momenten schneller, wenngleich kaum jemand die Ursache solcher Empfindungen beim Namen zu nennen vermag. Es liegt an den Schattenjägern von Terras dunkler Schwester, der uns nächsten aller fernen Welten.

Das klingt vordergründig nach einer düsteren Geschichte. Doch wer dies denkt, dem halte ich mit Goethe dagegen: »Wer einem Autor Dunkelheit vorwerfen will, sollte erst sein eigen Inneres beschauen, ob es denn da auch recht hell ist: in der Dämmerung wird eine sehr deutliche Schrift unlesbar.« Ich lade in meinen Büchern immer wieder gerne zum Hinterfragen von Vorbehalten ein und durchkreuze Klischees ganz bewusst. Gerade der Schatten ist das Paradebeispiel für etwas, dem wir kaum Aufmerksamkeit schenken, es aber trotzdem unbewusst als den eher finsteren Teil von uns selbst ansehen. Die Vorstellung, unsere Schatten könnten ein Eigenleben besitzen und sich gar gegen uns verschwören, ist deshalb schon ein bisschen beängstigend. Dabei haben unsere dunklen Begleiter auch ihre guten Seiten. Wer war nicht schon einmal froh, bei brütender Hitze in den kühlenden Schatten eines Baumes zu treten? Außerdem, wenn auch alle anderen uns verlassen mögen, unser Schatten lässt uns nie Stich. Wann haben wir ihm zuletzt für seine Anhänglichkeit gedankt?

Sie merken schon, hier bin ich auf ein Spannungsfeld gestoßen, das förmlich nach literarischer Aufarbeitung schreit. Heraus kam dabei ein packendes Stück Phantastische Literatur – oder »Fantasy«, wenn Ihnen der etwas unscharfe, aber modernere Begriff mehr liegt. Der Schattendieb spielt allerdings nicht nur in der Welt Osttarra, wo die lebenden Schatten zu Hause sind, sondern auch hier bei uns und zwar in der Zeit zwischen 1805 und 1968. Corvin, der Held, ist der Schatten eines schottisch-bayerischen Wissenschaftlers, der unter dem Namen Johann von Lamont Weltruhm erlangte, also wirklich gelebt hat. Das Buch trägt somit auch Züge eines historischen Romans. Nebenbei lernt der Leser so manches über Sonnenfinsternisse. Also ein Wissenschaftsroman? Eher weniger, und da ist ja auch noch eine Liebesgeschichte in die Handlung eingewoben. Bei den Schubladendenkern wird das Buch also wieder einmal anecken, denn eigentlich ist es ein richtiges Phantagon, ein spannendes Kaleidoskop unterschiedlicher Literaturgattungen und -formen, in dem jeder Leser seine ganz eigenen Bilder entdecken wird.

 

»Der Schattendieb« (Thienemann-Erstausgabe von 2009)
Der Schattendieb
(Thienemann-Erstausgabe
von 2009)

Inhalt

Im Haus der schottischen Familie Lamont schleicht ein dunkler Schemen umher. Kaum hat der kleine John das Licht der Welt erblickt, trachtet ihm der unheimlichen Besuchter schon nach dem Schatten. Der Eindringling wird, während er sich der Wiege des Neugeborenen nähert, von Johns Vater überrascht. Der hält den Schwarzgewandeten für den leibhaftigen Tod, weil er eine Sense aus geschmiedetem Licht bei sich trägt. Doch er irrt. Maloron, so sein Name, ist der Erste Schattenjäger von Osttarra, dem Reich der lebenden Schatten. Wenn Sonne oder Mond sich nämlich verfinstern, brechen von dort die Jäger auf, um unter den Menschen Ernte zu halten. Sie rauben ihnen, was sie ohnehin kaum beachten: ihre Schatten. Damit der Verlust nicht doch irgendwann auffällt, werden den Bestohlenen klägliche Attrappen angeheftet.

Die Raubzüge dienen einem niederträchtigen Zweck. Saros, der König von Osttarra, neidet den Menschen ihre Farbigkeit, ihre Fähigkeit, sich selbst zu vermehren und vor allem ihre Tiefe. Diese fehlt seiner Welt, denn Schatten haben zwar Höhe und Breite, aber sie sind flach wie ... wie ein Schatten eben. Deshalb lässt Saros in unserer »Welt der Tiefe« schon seit Jahrhunderten Schatten sammeln, wo immer er ihrer habhaft werden kann. Letztlich will er damit Terra – der Erde – die dritte Dimension entziehen. Gelänge ihm dies, würden die Menschen zu flachen Anhängseln der Schatten. Die Natur stünde auf dem Kopf. Und so schwärmen bei jeder Sonnen- und Mondfinsternis die Schattenjäger aus. Nur während der Minuten einer Eklipse nämlich öffnet sich das Tor zwischen Terra und Osttarra und nur während der größten Dunkelheit einer totalen Sonnenfinsternis kann ein Schattenjäger menschliche Gestalt annehmen – in der übrigen Zeit sind sie auf Erden nur körperlose, fliegende Schatten (siehe auch Kasten rechts).

Ihr Beutefang bleibt nicht ohne Folgen, denn mit jedem geraubten Schatten werden die drei Säulen, auf denen die Menschenwelt ruht, brüchiger: Liebe, Gerechtigkeit, Weisheit. Die Kälte auf der Erde nimmt zu. Doch als der Schatten des kleinen John zum Jäger Corvin ausgebildet wird, regen sich in diesem Gefühle für seine Opfer. Er kennt keinen Hass, sondern liebt die Menschen. Ihm liegt nichts daran, dem ruhmreichen Orden der Schattenjäger anzugehören, kommt er sich doch eher wie ein Schattendieb vor. Deshalb schiebt er den Tag der Aufnahme in den Orden immer wieder hinaus, indem er im Körper eines Jungen bleibt, äußerlich also einfach nicht älter wird – jeder Bewohner Osttarras kann selbst entscheiden, ob und wann er altert. Dann aber begegnet er auf einem seiner Jagdzüge Nelia, ein Mädchen dessen Schönheit alles übetrifft, was Corvin bis dahin unter den Menschen gesehen hat. Sein Herz steht sofort in Flammen. Nie würde er zulassen, dass Nelia ein Leid widerfährt. Doch ausgerechnet ihr hat Saros ein grausames Schicksal zugedacht. Um sie zu retten, stürzt sich Corvin in einen Kampf, in dem er eigentlich nur verlieren kann ...

 

Info 

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Fliegende Schatten und andere Phänomene

Während einer totalen Sonnenfinsternis können eine Reihe merkwürdiger Phänomene auftreten. Die Vögel hören auf zu singen. Fledermäuse kommen aus ihren Verstecken. Oft wird ein böiger Finsterniswind beobachtet. Die Temperatur kann um mehrere Grad fallen. Besonders geheimnisvoll erscheinen gewisse Lichtveränderung. Schon bei einer stark ausgeprägen partiellen (teilweisen) Finsternis nimmt das Licht eine unnatürliche bleifarbene Tönung an. Schatten treten stärker hervor, unter Bäumen und Sträuchern bilden sich durch den sogenannten Lochblenden- oder Camera-Obscura-Effekt hunderte von kleinen Sonnensicheln und Lichtkringeln auf dem Boden. Man nennt sie im Deutschen »Fliegende Schatten« oder »Tanzende Schatten«.

Mehr dazu im Web unter:
http://www.strickling.net/fliegende_schatten.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenfinsternis

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Johann von Lamont

Unter den realen Bezügen im Roman Der Schattendieb ist die Person Johann von Lamonts besonders hervorzuheben. Er ist zwar nicht der eigentliche Protagonist, aber die Hauptfigur verdankt ihm ihre Existenz – Corvin ist sein Schatten. Der wahre J. L. wird als zweiter von drei Söhnen seiner Eltern am 13. Dezember 1805 im schottischen Corriemulzie (Aberdeenshire) geboren. Heute gastiert die Queen regelmäßig in der Nachbarschaft; ihr Sommersitz, das königliche Schloss Balmoral, ist nur wenige Meilen entfernt.

Einige Jahre lang hat der Sohn des Forstverwalters Robert Lamont noch einen schottischen Namen: John Lamont. 1816 verstirbt Johns Vater überraschend nach einem Sturz vom Pferd und Elspeth, die Witwe, sieht schwarz, was die schulische Ausbildung ihres begabten Sohnes anbelangt. Doch im Jahr darauf geschieht gleichsam ein Wunder. Der mittlerweile zwölfjährige John wird überraschend von Pater Gallus Robertson ins Schottenkloster St. Jakob nach Regensburg geholt, um auf dem Königlich-Bayerischen Gymnasium die Weihen der Bildung zu empfangen.

Die Erziehung in kirchlicher Obhut des Stipendiaten soll einen katholischen Priester aus ihm machen. Bald zeigt sich jedoch, dass es um seine Begabungen auf anderen Gebieten weitaus besser bestellt ist: John – in Deutschland wird er bald Johann genannt – ist in mechanischen Dingen ein begeisterter Tüftler und seine Liebe zur Natur, insbesondere zum gestirnten Himmel, empfiehlt den Jungen für eine naturwissenschaftliche Ausbildung. Das Schottenkloster hat schon manchen Gelehrten hervorgebracht und sein Prior, Pater Benedict Deasson, fördert auch Johanns Talente.

Statt der Religionslehre stehen nun die Mathematik und die Naturwissenschaften im Vordergrund von Johanns Ausbildung. Auch in die Mechanik wird er eingeführt. Von 1824 bis '26 setzt er seine Studien in München fort, wo er zunächst das Lyzeum (Oberstufe des Gymnasiums) besucht, anschließend auf die Universität wechselt und schließlich seinen Doktor macht. In den Sommerferien 1827 arbeitet er im Rahmen seiner astronomischen Studien im Observatorium Bogenhausen, ein östlich von München gelegener Vorort der bayerischen Hauptstadt (inzwischen eingemeindet). Von dieser Zeit an lässt ihn die Königliche Sternwarte nicht mehr los. Er wird dort 1828 unter dem Conservator (Direktor) Prof. Soldner Assistent, später königlicher Adjunkt (Beamter im niederen Dienst) und am 13. Juli 1835 enennt ihn Seine Majestät König Ludwig I. zum Conservator. Bis zu seinem Tod leitet er fortan die Sternwarte Bogenhausen.

In der breiten Öffentlichkeit ist Johann von Lamont wenig bekannt, obwohl das zu seinen Lebzeiten noch anders war. Die Wenigsten wissen heute, dass es auf Mond und Mars Krater gibt, die nach ihm benannt wurden? Auch, dass seine Beobachtungen des Kometen Halley Daten lieferten, auf die von Astronomen heute noch zurückgegriffen wird, ist wohl eher in Fachkreisen bekannt. Erst wenn man sich dem zeitlebens sehr bescheiden lebenden Schotten annähert, stellt man staunend fest, dass er einer der letzten Universalgelehrten war. Er ist gewissermaßen ein menschliches Phantagon – die einen sehen in ihm einen emsigen Astronomen und Physiker, die anderen einen findigen Techniker und Mechaniker, und Fachleute würdigen ihn als wichtigen Erforscher des Erdmagnetismus, als Meteorologen, Geophysiker, Geodäten und Statistiker.

Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Forschungstätigkeit unternimmt Johann Lamont etliche Reisen, nicht nur innerhalb des Königreiches Bayern, sondern auch ins europäische Ausland. Im spanischen Castellón de la Plana beobachtet er am 18. Juli 1860 tatsächlich die totale Sonnenfinsternis, wenngleich die im Roman geschilderten näheren Umstände seines dortigen Aufenthalts frei erfunden sind. Für seine Verdienste um die Wissenschaft empfängt er zahlreiche Ehrungen, darunter den angesehenen schwedischen Nordstern-Orden. Die Bayerische Akademie der Wissenschaften führt ihn bis heute in der Liste ihrer (verstorbenen) Mitglieder auf (siehe hier). 1853 wird er überdies zum Professor für Astronomie an die Ludwig-Maximilians-Universität München berufen. Und last but not least erhebt der bayerische König Ludwig II. ihn sogar in den Adelsstand – von nun an darf er sich also Johann von Lamont nennen.

Privat ist J. v. L. eher ein stiller Zeitgenosse. Er tüftelt am liebsten über neuen Messinstrumenten, beobachtet und protokolliert Naturabläufe Abgesehen von einem gelegentlichen geselligen Abend im Münchener katholischen Casino gönnt er sich keine Vergnügungen. Zeitlebens ist er, sowohl religiös wie auch politisch, steng konservativ orientiert. Als bayerischer Patriot ist der gebürtige Schotte Lamont mustergültig. Was seine Sparsamkeit anbelangt, bleibt er bis an sein Lebensende sehr schottisch. Er war durchaus vermögend, hat aber kaum Geld ausgegeben. Nach seinem Hinscheiden wurde aus seiner Hinterlassenschaft eine Stiftung für Mathematik-Studierende ins Leben gerufen (Kapitalwert 72.000 Reichmark).

Johann stirbt am 5. August 1879. Er hatte sich als Knabe bei einem Sturz vom Pferd eine Verletzung am Rückenmark zugezogen, die ihm jetzt, sechzig Jahre später, den Tod bringt. Begraben wird er unweit von seiner langjährigen Wirkungsstätte, der Bogenhausener Sternwarte, auf dem Friedhof St. Georg. Es heißt, er habe laut Testament einen besonderen Betrag für einen menschenfreundlichen Zweck gestiftet. Der Küster der Bogenhausener Kirche sollte jeden Tag einige Münzen in die offene Hand der Büste am Grab des Wissenschaftlers legen. Damit die Kinder sie »stehlen« könnten, soll Lamont in seinem letzten Willen verfügt haben. Obwohl die für diesen Zweck gedachte Summe längst verschenkt worden ist, liegen immer wieder Münzen in der Hand. Am Grab befindet sich folgende lateinische Inschrift:

ET COELUM ET TERRAM EXPLORAVIT

»Er hat sowohl den Himmel aus auch die Erde erforscht.« Wohl wahr, kann man da nur zustimmen. Und wer den Schattendieb gelesen hat, mag hinzufügen: »Und auch Osttarra, das Reich der lebenden Schatten.«

Quellen zu Johann von Lamont:

  1. »Johann von Lamont (1805–1879), ein Pionier des Erdmagnetismus«; Heinrich Soffel, Denkschrift der Bayerischen Akademie der Wissenschaften anlässlich des 200. Geburtstag von JvL. Im Web nachzulesen unter www.badw.de
  2. Wikipedia de.wikipedia.org
  3. Deutsche Biographie www.deutsche-biographie.de
  4. Monthly Notices of the Royal Astronomical Society, Vol. 40, p.1-1 (online auf adsabs.harvard.edu)

»Der Schattendieb«
Johann von Lamont
Ölgemälde von K. Reschhäuser, 1896
(Quelle: Bayerische Akademie der Wissenschaften)



Letzte Änderung: 1.1.2014
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