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Der Herr der Unruhe


Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur.

Max Frisch

Die Idee vom Doctor Mechanicae

»Wie fällt Ihnen nur so etwas ein?« Kaum eine Frage wird mir in Verbindung mit meinen Geschichten so häufig gestellt wie diese. Für das Phantagon Der Herr der Unruhe klingt die Antwort ein wenig eigenartig. Ehe ich den Inhalt des Romans zusammenfasse und im Abschnitt »Hintergründiges« auf seine geistige Unterfütterung eingehe, wird es wohl das Beste sein, aus dem Nachwort des Buches zu zitieren, um die Geschichte hinter der Geschichte zu verstehen:

»Meine Frau hat eine besondere Gabe. Sie kann mit Maschinen reden. Ja, besser noch, die Apparate lesen ihr jeden Wunsch von den Augen ab - und tun dann genau das Gegenteil. Ob sie nun mit ihrer Bankkarte den Zugang zum Geldautomaten erzwingen oder das Handy zu einer SMS überreden will, die Apparate verweigern sich ihr. Aber sie gehorchen wieder, sobald ich genau dieselben Handgriffe mache wie meine Frau. Dieses Phänomen, dem man unbedingt eine Doktorarbeit widmen sollte, hat mich auf die Idee gebracht, den Spieß einmal umzudrehen. Was wäre, fragte ich mich, wenn jemand die Gabe besitzt, mit Maschinen oder anderen Apparaturen genauso zu reden wie Doktor Dolittle mit den Tieren?

Der Einfall mag amüsant klingen. Aber die Geschichte, die mir vorschwebte, ist ungefähr in demselben Maße eine Posse wie Dantes La Divina Commedia eine Komödie. Die Jahre zwischen 1932 und 1944, die im Mittelpunkt des Romans stehen, waren ja auch alles andere als komisch. Durch die Konzentrierung auf die Hauptschauplätze Wien, Rom und Nettuno wollte ich dem Leser eine Perspektive auf diese Zeit anbieten, die er so vielleicht noch nie eingenommen hat. Sicher kann man drüber streiten, ob ein Unterhaltungsroman, noch dazu ein fantastisch angehauchter, die dunkelste Epoche der deutschen Geschichte thematisieren darf. Mir scheint jedoch, dass manches Bedenken für ein solches Unterfangen sich aus den Zweifeln nährt, dass Unterhaltendes, gar Fantastisches zugleich tiefgründig und ernsthaft sein kann. Trotzdem möchte ich - bedenkt man die Trivialität dessen, was uns ›Nachrichtenmedien‹ immer wieder zu den grauenhaftesten Ereignissen auftischen - für solche Bücher eine Lanze brechen. Da es zudem Menschen geben soll, die emsig Belletristik lesen, aber nie eine Zeitung oder ein Geschichtsbuch, mag man mir diesen Drahtseilakt zugestehen. Erinnern hat viele Facetten. Ja, Vergeben heißt nicht Vergessen, sondern es bedeutet Erinnern ohne Groll. Menschen in Nettuno und im bayerischen Traunreut haben das schon lange erkannt - seit 1973 pflegen sie ihre Städtepartnerschaft. Solcherart Gedenken wehrt sich gegen schweigendes Verdrängen. Kraftvoll klingt es in den Worten der Dichterin Ingeborg Bachmann: ›Umgreift die Zeit, schleudert sie ins Heute.‹

[...] Die Geschichte hinter meiner Geschichte ist ebenfalls wechselvoll. Früh entschied ich mich, den Fokus nach Italien zu verlegen. Eine Stadt musste her, die während der Landung der Alliierten zwar eine gewisse Rolle gespielt hatte, aber sie sollte nicht allzu bekannt sein, zu groß wäre die Gefahr, mit dem Schul- und Allgemeinwissen meiner Leser zu kollidieren. Ich fragte meinen Agenten - er lebt in der Nähe von Rom - nach einem unauffälligen Örtchen. Er empfahl mir Nettuno.

Als ich die überschaubare Gemeinde am Tyrrhenischen Meer, in unmittelbarer Nähe zum allseits bekannten Anzio, im Juni 2003 zum ersten Mal besuchte, freute ich mich, die passende Spielwiese für meine Fiktionen gefunden zu haben. Bei den weiteren Recherchen wurde mir jedoch schnell klar, dass Anzio und Nettuno nicht zu trennen sind, waren sie doch bis 1856 sowie zwischen 1939 und 1945 eine Gemeinde. Plötzlich lastete auf mir der Druck, einen der exponiertesten Kriegsschauplätze des Zweiten Weltkrieges und zudem seit der Antike bedeutenden Ort genau und facettenreich aus der Sicht eines Einheimischen zu schildern.«

 

Der Herr der Unruhe (Erstausgabe)

Der Herr der Unruhe
(Ehrenwirth - Erstausgabe
von 2004)

Aus der Werkstatt:

Eigener Umschlag zum "Herrn der Unruhe". Zum Vergrößern anklicken (76 KB).

Eigener Umschlagenwurf,
von dem das Uhrwerk
auf das endgültige Cover
hinübergerettet wurde
(zum Vergrößern Bild
anklicken; 76 KB)

Inhalt

Die Zeit geht hin,
und der Mensch gewahrt es nicht.

Mit diesem Zitat aus Dante Alighieris Göttlicher Komödie, eingeprägt in den Deckel einer goldenen Taschenuhr, nimmt für Nico dei Rossi das Verhängnis seinen Lauf. Er ist der Sohn des einzigen Uhrmachermeisters im italienischen Nettuno. Im Jahr 1932 - Mussolinis Faschisten haben das Land längst fest in ihrer Hand - fertigt sein Vater Emanuele eine Meisteruhr für den reichen Geschäftsmann Massimiliano Manzini. Als der Kunde den Dichterspruch im Deckel seiner Uhr entdeckt, gerät er in Zorn. Er verlangt die Zerstörung der Uhr. Emanuele weigert sich, die Herstellung des Meisterstücks hat ihn fast in den Ruin getrieben. Aus einem verborgenen Winkel beobachtet der dreizehnjährige Nico, wie ein furchtbarer Streit zwischen den beiden Männern entbrennt, der mit dem Mord an seinem Vater endet. Nico flieht in die Nacht.

Er sucht in Rom, beim Lehrmeister seines Vaters, Unterschlupf. Der Junge kann sich nicht erklären, warum das Dante-Wort den Jähzorn des reichen Geschäftsmann derart entfesseln konnte. Hütet der wegen seiner Rücksichtslosigkeit bekannte Manzini ein dunkles Geheimnis, das der Uhrmacher unbewusst aufzudecken drohte? Nicht von ungefähr fürchtet Nico, das nächste Opfer Manzinis zu werden. Auf seiner Flucht kommen Menschen zu Schaden, nur weil sie seinen Weg kreuzen. In Rom ist er nicht sicher. Mit Hilfe eines Benediktiner-Mönchs kann der Junge ins österreichische Wien entkommen, wo er als Lehrling bei einem jüdischen Uhrmachermeister und seiner Frau aufgenommen wird.

Meister Johan Mezei bemerkt schnell, dass sein Stift eine ganz besondere Gabe besitzt: Er kann mit Maschinen reden. Er kann sie besänftigen, kann ihre verborgenen Fähigkeiten wecken und ihrem Gedächtnis die Erinnerung an längst vergangene Verrichtungen entlocken. Eine Uhr, deren Unruh stillsteht, braucht er nur zu berühren, ihr etwas vorzusummen, und schon beginnt sie wieder zu laufen.

Die Sicherheit in Wien ist trügerisch. Auch in Österreich entwickelt sich eine Form des Faschismus, die mit Härte gegen Gesinnungsfeinde vorgeht. Meister Johan ist Sozialdemokrat und wird interniert. Spätestens jetzt endet Nicos Kindheit. Er muss nicht nur für sich, sondern auch für Lea, die Frau seines Lehrherrn, sorgen. Weil er mit Uhren umgehen kann wie kein Zweiter, gewinnt er sogar neue Kunden hinzu. Anfang 1938 wird Österreich von Hitler-Deutschland »Heim ins Reich« geholt. Noch bevor der Anschluss des Landes an das Großdeutsche Reich offiziell vollzogen ist, beginnen die Übergriffe des nationalsozialistischen Pöbels gegen die österreichischen Juden. Als Nico die Schrecken der »Reichskristallnacht« erlebt, kann ihn nichts mehr in Wien halten. Zu Hause hat er noch eine Rechnung offen. All die Jahre, während er vom Knaben zum Mann heranreifte, war sein Rachedurst nicht abgekühlt. Manzini darf nicht ungeschoren davonkommen. Im Sterben hatte Emanuele seinen Mörder mit Worten verflucht, die wie ein Bannspruch klangen. Dessen Leben solle sein wie die Unruh in jener Uhr: unstet, zerbrechlich - und wenn sie einst stehen bleibe, solle auch er sterben ...

Nico kehrt nach Nettuno zurück, mit einem klar abgesteckten Kurs. Einmal mehr reißt ihn jedoch der Strom Zeit in eine unerwartete Richtung. Schon bei der Ankunft in seiner Geburtsstadt begegnet er einem bezaubernden Mädchen. Er hat bereits sein Herz an sie verloren, als er ihren Namen erfährt. Sie heißt Laura Manzini und ist die Tochter des Mörders, den er zur Strecke bringen will. Inzwischen ist Manzini zum Bürgermeister des Ortes aufgestiegen und gilt als einer der  glühendsten Anhänger Mussolinis. Der ehrgeizige Stadtvater erkennt Nico nicht wieder. Ja, er findet sogar Gefallen an dem jungen »Doctor Mechanicae« und ernennt ihn zum Hüter seiner Lebensuhr. Nico muss einmal mehr erfahren, dass nichts so einfach ist, wie es scheint - selbst die Rache nicht. Und während der Zweite Weltkrieg die Menschheit ins Chaos stürzt und Hitler nach Italien greift, gerät Sohn des ermordeten Uhrmachers mehr und mehr in eine scheinbar ausweglose Situation ...

Palazzo Comunale von Nettuno (2003)

Es erscheint wie ein Wink des Himmels, als ein Blitz die Uhr des Kommunal-palastes von Nettuno zerstört. Nico bietet dem Bürgermeister an, ihr neues Leben einzuhauchen. Dadurch hofft der junge Doctor Mechanicae der bezaubernden Laura näherzukommen - aber dem Mörder seines Vaters (Foto: Ralf Isau).

Hintergründiges

Dei Rossi-Haus (zum Vergrößern anklicken; 148 KB)

Nicos Geburtshaus ist mit Nettunos Stadtmauer fest »verwachsen« (Foto: Ralf Isau; zum Vergrößern anklicken; 148 KB).

Mehrere Jahre lang beschäftigte mich der Gedanke, eine Geschichte von jemanden zu erzählen, der ein besonderes Gespür für alles Mechanische besitzt. Wie ich darauf bekommen bin, habe ich im Abschnitt »Die Idee vom Doctor Mechanicae« ja bereits erklärt. Den Beweis für dieses längere Schwangergehen habe ich im »Universum des Ralf Isau« festgeschrieben - von einigen Rezensenten mit Kopfschütteln registriert, von den meisten Stammlesern mit Begeisterung verfolgt, lege ich ja zwischen allen meinen Büchern fast unsichtbare Verbindungen, meist durch Personen, die zwischen den Geschichten hin- und herwandern, manchmal durch Ereignisse und hier durch einen Buchtitel. Wer nämlich meinen Roman Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz gelesen hat, dem mag in der Bibliothek der ungeschriebenen Bücher ein ganz bestimmtes Werk aufgefallen sein. Es hätte von Johann Wolfgang von Goethe geschrieben werden und den Titel Doctor Mechanicae tragen sollen. Der Dichterfürst möge es mir verzeihen, dass ihm seine Idee gestohlen habe.

Die Suche nach der richtigen Form für meine Geschichte, war langwierig. Ich wollte keinen albernen Aufguss von Doktor Dolittle schreiben. Situationskomik entsteht ohnehin, wenn ein Mensch störrische Maschinen zum Nachgeben bewegt oder zuverlässige Apparaturen plötzlich zum Streiken überredet. Aber die besondere Gabe meines Protagonisten sollte nur das Salz an der Suppe sein. Der Herr der Unruhe ist zuallererst eine Momentaufnahme aus dem dramatischen Leben eines jungen Menschen, der wie ein kleines Schiff vom Sturm hin- und hergeworfen wird, zwischen Juden- und Christentum, zwischen dem eigenen Gerechtigeitsempfinden und der Willkür totalitärer Regime, zwischen seinem Rachedurst und der Liebe zu einem Mädchen, das für ihn unerreichbar scheint. Dabei muss er manche Kurskorrektur vornehmen. Aber, um mit Max Frisch zu sprechen, die Zeit verwandelt Nico dei Rossi nicht, sie entfaltet nur seine wahre Persönlichkeit. Am Ende ist er kein vollkommener Mensch - aber er hat viel über sich gelernt.

Gullideckel in Nettuno

Unter den Gullideckeln von Nettuno liegt Geheimnisvolles verborgen (man beachte die Zehenspitzen des Forschungsreisenden)

Als ich endlich im Oktober 2002 das Konzept des Romans niederschrieb, war ich mir immer noch nicht sicher, wo die Handlung spielen sollte. Auf der Suche nach dem richtigen Schauplatz verschlug es mich im Juni 2003 nach Nettuno, jenem italienischen Städtchen am Tyrrhenischen Meer, das mit seinem Nachbarort Anzio lange eine Einheit bildete. Mein Agent Roman Hocke, der im benachbarten Genzano di Roma wohnt, dort wo auch Michael Ende viele Jahre lebte, war an diesem »Zufall« nicht ganz unbeteiligt. In Nettuno drehte ich, durch nebenstehendes Foto eindrucksvoll bewiesen, jeden Gullideckel um, denn einige der interessantesten Geheimnisse Nettunos liegen unter der Erde. Hier haben die frühen Bewohner der Stadt Gänge und Höhlen in den weichen Tuffstein gegraben, die zeitweise als Lagerstätte für Getreide, dann wieder als Zufluchtsort dienten. Im Zweiten Weltkrieg entzogen sich einige der Einwohner der Stadt der Evakuierung durch die deutschen Besatzer, indem sie unter die Erde flohen. Später quartierte sich vorübergehend die Kommandantur der Alliierten Invasoren in den Höhlen ein. Auch Nico dei Rossi, mein Held, findet hier unten Verbündete. Der Herr der Unruhe ist, wie meine Stammleser längst bemerkt haben werden, also wieder ein typischer Isau, ein farbenfroher Geschichtenteppich, gewebt aus den rauen Fasern historischer Fakten und den glitzernden Fäden der Phantastik - ein weiterer Stern im Universum des Ralf Isau.

Gebäudekomplex an der Piazza Umberto I., dem vom Autor zum »Palazzo Manzini« erklärt wurde

Auch zwischen den Gebäuden des (frei erfundenen) Palazzo Manzini drängt sich noch ein mittelalterliches Türmchen der Stadtmauer, das in einer dramatischen Szene des Romans Erwähnung findet. Über dem Dach des rechten Gebäudes ragt die »Stiftskirche der Heiligen Johannes des Täufers und  Evangelisten« hervor, die für Nico zum Ort mancher Überraschung wird (Foto: Ralf Isau).

Übersetzungen


Spanisch



Letzte Änderung: 1.1.2014
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